#MolieresSoWhite: Beim Bühnenpreis sieht Frankreich rot

Erst war es der Oscar, nun ist es Molière: In Frankreich steht der Bühnenpreis «Molières» in der Rassismus-Kritik. Von den 86 nominierten Künstlern waren 85 weiss. Ein offensichtliches Ungleichgewicht, das das Kollektiv «Décoloniser les Arts» unter Protest bekämpft.

Das Kollektiv «Décoloniser les arts» demonstriert vor dem Folies Bergère. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Ist das französische Theater rassistisch? Das Kollektiv «Décoloniser les arts» demonstriert vor dem Folies Bergère. AFP

Die «Nacht der Molières» sollte eine glorreiche Nacht werden. Denn wie jedes Jahr wurden am Montag in Paris die besten Theaterschaffenden des Landes gekürt. Diesmal jedoch trübte ein grosser Wermutstropfen die Champagnergläser: Während die Zeremonie im Folies Bergère vonstatten ging, wurde vor dem Theater protestiert.

Grund des Aufruhrs: Von 86 nominierten Theaterschaffenden waren 85 weiss. Lediglich eine Künstlerin, die aus einer marokkanischen Familie stammende Humoristin Sophia Aram, wurde in der Kategorie «Humor» nominiert. Das klingt wie ein schlechter Witz in einem Land, in dem über 30 Prozent der Bewohner keine weisse Hautfarbe haben.

Das gleiche Phänomen sorgte am Anfang des Jahres bei den Oscarverleihungen in den USA für Proteste: Die Film-Akademie hatte bei den Nominationen in den vier Schauspielkategorien Afro-Amerikaner völlig übergangen. Unter dem Hashtag #OscarsSoWhite wehrten sich Filmschaffende wie Will Smith oder Spike Lee gegen die weisse Filmwelt. Mit #MolieresSoWhite hat Frankreich nun seine eigene Version.

«Schande» im Scheinwerferlicht

«Les molières de la honte» – «Die schändlichen Molières»: Unter diesem Titel riefen am Freitag vor der Zeremonie der Theaterregisseur David Bobée und der Schauspieler Yann Gael in der Zeitschrift «Télérama» zum Protest auf. Sie fordern ein Theater für alle. Ein Theater, das der französischen Gesellschaft auf der Bühne gerecht werde. Gerade jetzt, zu einem Zeitpunkt, in der die Nation «dringend einen gemeinsamen Diskurs brauche».

Ein verfälschtes Frankreich

Bereits im Februar brachte «Décoloniser les arts» das Thema Diskriminierung in der französischen Kulturszene aufs Tapet. Das im Dezember 2015 gegründete Kollektiv, das hauptsächlich aus Kulturschaffenden ehemaliger französischer Kolonien wie Martinique oder La Réunion besteht, wandte sich in einem offenen Manifest an über 300 Theater- und Festivaldirektoren – mit dem Ziel, die uniforme, sprich weisse, Theaterwelt auzufrütteln.

Auf neun Seiten plädiert das Kollektiv dafür, dass sich Integration auch auf der Bühne abspielen müsse – und stellt Fragen wie: «Ist es normal, dass Othello von einem Weissen besetzt wird?» oder «Wenn Sie ins Theater gehen, welche Rollen spielen Araber?».

Die Vorstellung reicht nicht

Der Theaterregisseur David Bobée, der das Manifest mitverfasst hat, setzt seine Forderungen auch in Szene. Der Leiter eines Theaters in der Normandie bringt in seinen Stücken Menschen aller Hautfarben auf die Bühne und macht etwa die harte Lebenswelt von jugendlichen Arabern in Frankreich im Stück «Fées» zum Thema.

Er ist überzeugt: Was sich auf der Bühne abspielt, kann Frankreich bei der Integration von Minderheiten helfen. Wie er in einem Interview mit «Le Monde» sagte: Wenn Frankreich weiter eine Kultur der Uniformität pflege, sei es nicht verwunderlich, dass sich Menschen radikalisierten.

Im Dezember 2015 hat die ehemalige Kulturministerin Fleur Pellerin ein Gremium, das Collège de la Diversité, einberufen. Es soll sich für mehr Diversität in der französischen Kulturszene einsetzen. Auch David Bobée gehört diesem Collège an. Frankreich scheint sich bewusst zu werden, dass Minoritäten integriert werden müssen – im Alltag, aber auch auf der Bühne. Oder um es mit Shakespeare zu sagen: Wenn die ganze Welt eine Bühne ist, sollten dann nicht alle mitspielen?