«O mein Papa»: Genau so muss «Der schwarze Hecht» gespielt werden

Das Schweizer Kultstück «Der schwarze Hecht» wird neu belebt. Was 1939 auf der Bühne des Schauspielhauses Zürich begann, kehrt nun unter der Regie von Herbert Fritsch dorthin zurück. Herausgekommen ist ein gelungener und sehr bunter Abend. Wenn schon «Der schwarze Hecht», dann so.

Es war der erste Schweizer Welthit: «O mein Papa» aus dem Mundart-Musikstück «Der schwarze Hecht» von Paul Burkhard. Das Stück ist Kult, damit verbunden grosse Volkstheaternamen wie Margrit Rainer, Ruedi Walter, Inigo Gallo. Was 1939 auf der Bühne des Schauspielhauses Zürich begann, kehrt nun dorthin zurück. Und es geht hoch her, wenn wir im Vokabular des Mundart-Musikstücks bleiben wollen: Es ist ein bunter Abend, wirklich sehr bunt.

Keine Burkhard-Denkmalpflege

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«Der schwarze Hecht»

Das Schauspielhaus Zürich zeigt das musikalisches Lustspiel in drei Akten noch bis am 31. Dezember 2014.

Also keine Burkhard-Denkmalpflege und kein Schweizer Heimatstil. Aber – das ist das Intelligente – das ganze bunte Treiben ist geerdet im Stoff, weit getrieben, aber nicht beliebig aufgepflanzt. Paul Burkhard hätte vermutlich seine Freude, wie die Figuren, diese merkwürdigen, biederen und schrulligen Charaktere, sich hier aufführen: die Köchin, die Koloraturen mit Mutterwitz verbindet; das Töchterchen, das ausbrechen und die Welt entdecken will; der hustende Onkel, der alle mit seiner Gesundheit tyrannisiert (fehlt nur, dass er Veganer ist); das senile Geburtstagskind, das hier nicht 60 wird, sondern 101. Und dazu die Gegenwelt des Zirkus: pure Traumwelt und Gegenbild eines authentischen Lebens.

Das ist tolles Schauspielerfutter. Und das Schauspielhaus lässt sich nicht lumpen, es ist ein erstklassiges Ensemble zugange, das dem dem Affen Zucker gibt: das reinste Vergnügen.

Jedes Motiv wird gnadenlos ins Extreme getrieben

Herbert Fritsch ist auch ein Regisseur, der so was gerne in den Aberwitz treibt. Bei ihm muss Theater Rausch sein. Es ist eine für sich stehende Form, die ihn interessiert: Nicht die neue Sichtweise auf ein Drama, sondern die artistische Überhöhung. Das zeigt sich in der Lust an der Groteske, aber eben auch in einem ganz expliziten Formbewusstsein, in einem durchaus ernsthaften Drang zum unverfälschten Ausdruck – bei aller Fratzenschneiderei –, der immer aus dem Moment heraus neu entstehen muss.

Das sieht man in dieser Inszenierung sehr gut. Die Figuren sind grotesk, eine Mischung aus Zirkusclowns und Punks à la Vivienne Westwood, Masken wie auf einem Bild von James Ensor und es gibt einen gigantischen Hecht. Alles ist völlig überdreht und auch sehr gestrafft. Jedes Motiv wird gnadenlos ins Extreme getrieben, in den Wahnwitz. Die mittlerweile etwas abgebrauchten Pointen des Originals taugen allenfalls noch als Zitat.

Wie anders darf der andere sein?

Die Grundfrage aber hat in den 75 Jahren seit der Uraufführung nichts an Aktualität eingebüsst: Wie anders darf der andere sein? Das lässt Herbert Fritsch durchaus offen. Am Ende hustet sich das Ensemble einfach weg, die schon im Original nicht wirklich zum dramaturgischen Knoten geschürzten Fäden bleiben unverbunden, einen Reim muss sich der Zuschauer selber machen.

Und die enorm bekannte Musik, das «O mein Papa»: Sie ist entschlackt, von Roman Vinuesa gewitzt arrangiert. Das bekommt ihr und bringt sie nicht in die Gefahr des Süsslichen. Im Grunde gibt es heute nur zwei Möglichkeiten, diese Schlager aufzuführen. Entweder man bringt den musikalischen Bär zum Steppen, wie es die Köchin tut (Carol Schuler), oder man stellt sie so richtig aus. Diesen Weg geht Herbert Fritsch bei Iduna (Ruth Rosenfeld) und ihrem «O mein Papa» – er baut dem Song einen goldenen Rahmen und bringt ihn so richtig ergreifend zur Geltung. Wenn schon «Der schwarze Hecht», dann so!

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