Poetry-Slammer Andivalent entlarvt die Perversionen des Alltags

Einst hat er beruflich Leichen herumgefahren, heute gilt er als Entdeckung am Poetry-Slam-Himmel. Andreas Nowak nennt sich auf der Bühne «Andivalent» und spricht als präziser Beobachter des Alltags oft vermeintlich Unaussprechliches ins Mikrofon. Das gibt zu denken – und macht viel Spass.

Ein Mann steht auf einer Bühne, hält ein weisses Buch in der Hand und spricht in ein Mirkofon. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Poetry-Slammer Andreas Nowak alias Andivalent begeistert sein Publikum mit Präzision, Wortwitz und Selbstironie. Valentin Olpp

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Artikelreihe «Trouvaillen»

Manchmal zeigt sich Kultur im unscheinbaren Lokal in einer fremden Stadt, in einem verlassenen Tal oder im schnöden Alltag. Die Redaktorinnen und Redaktoren von SRF Kultur stellen übersehene Kultur-Trouvaillen von 2014 vor.

«Hitler war nicht nur schlecht – immerhin hat er Hitler getötet» ist einer jener Sätze, bei denen uns das Lachen im Hals stecken bleibt. Andivalent lotet die Grenzen des ethisch Vertretbaren aus. Er tut dies mit Präzision, Wortwitz und Selbstironie. Es geht ihm nicht bloss darum, seine Zuhörer zu schockieren. Andivalent entlarvt mit seinen Texten vielmehr die Scheinheiligkeit der Political Correctness und die «kleinen Perversionen des Alltags». Das gibt zu denken – und macht viel Spass.

Linkisch, waghalsig, glasklar

Auf der Bühne wirkt Andivalent stets etwas linkisch. Doch dies verstärkt nur den Effekt seiner ebenso waghalsigen wie glasklaren Gedankengänge. Oft sind es regelrechte Achterbahnfahrten, auf die er seine Zuhörer mitnimmt. Da vergleicht er beispielsweise die Boxerzwillinge Klitschko mit Eichhörnchen, er vergleicht Äpfel mit Birma (sic!) und Babys mit Chinesen. Und irgendwie macht das alles auch noch Sinn.

Im Gegensatz zu vielen Slammern, die sich als blosse Wortakrobaten durch ihre Texte kalauern, hat Andivalent stets eine Botschaft. Seine Texte sind immer hochpolitisch. «Auf entspannte Art philosophisch, auf analytische Art kompromisslos, auf intelligente Art humorvoll» beschreibt ihn sein Schweizer Slam-Kollege Renato Kaiser.

Wenn beispielsweise ein Elektronikfachmarkt mit dem scheinbar harmlosen Satz «Wir liefern schneller als eine Drohne» wirbt, fragt Andivalent, ob wohl jemand auf die Idee kommen könnte, in einem Kriegsgebiet mit diesem Satz Werbung zu machen. Wohl eher nicht.

Vom Leichenabholdienst auf die Bühne

2014 war Andis Jahr. Bis dahin hatte er den Slam nur als Hobby betrieben. Nun ist er praktisch pausenlos auf Tour und gewinnt reihenweise Slam-Wettbewerbe. Nach eigenen Angaben hat er sich bis 2013 als App-Entwickler betätigt. Davor war er in einer Werbeagentur.

Noch davor habe er «Star-Wars-Figuren verkauft» – und studiert: Neuere Deutsche Literaturwissenschaft, Linguistik und Psychologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München, mit Magister abgeschlossen. Und was hat er vor seiner Studienzeit gemacht? «Davor war ich Leichenabholdienst im Krankenhaus München Schwabing», sagt er. Es fällt nicht schwer, das zu glauben.