Seelendrama schlägt Schauermärchen: «Macbeth» in Basel und Zürich

Barrie Kosky inszeniert in Zürich Verdis «Macbeth» als abstraktes Seelendrama. Die Basler Version von Olivier Py versucht indes mit den Mitteln des Gruselfilms die Geschichte von Aufstieg und Fall nachzuerzählen. Auch musikalisch sind die beiden Produktionen höchst unterschiedlich.

Bühnenbild: Eine rothaarige Frau fleht einen Mann mit Glatze und Bart an – inständig. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Erzählt mit den Mitteln des Vampirfilms, hart an der Grenze zur Lächerlichkeit: «Macbeth» am Theater Basel. Theater Basel/Sandra Then

Der Wald von Birnam steht gleich von Anfang an auf der Bühne. Grosse, nackte Baumstämme. Wer in der Schule Shakespeares Drama «Macbeth» gelesen hat, weiss: Dieser Wald wird dem machtgierigen König und seiner Frau zum Verhängnis.

Er wird, wie das die Hexen prophezeit haben, auf das Schloss «zuwandern». Soldaten werden sich hinter Baumstämmchen für ihren Angriff tarnen. Und wenn dies erst geschehen ist, dann ist‘s aus mit der Königswürde für Macbeth. Ab der Zacken.

Totenbleich geschminkt

Soweit lässt es Olivier Py in seiner Inszenierung für das Theater Basel nicht kommen. Der Theatermann Py (er leitet unter anderem das Festival von Avignon) glaubt aber doch, uns die Geschichte noch einmal ganz nacherzählen zu müssen.

Im finsteren Dekor von schwarzen Backsteinmauern, flackernden Kronleuchtern und halbblinden Spiegeln lässt er Macbeth den nackten Konkurrenten Duncan in der Badewanne erdolchen. Lady Macbeth darf, wenn ihr das Blut nicht von den Händen will, mit den Augen rollen. Zum Erbarmen ist das. Auch die Hexen sind in Basel da: ebenfalls nackt und, wie das gesamte Bühnenpersonal, totenbleich geschminkt.

Mit den Mitteln des Kinos

Halbtote sind es, die Py über die Bühne schickt. Er erzählt mit den Mitteln des Kinos, des Vampirfilms und riskiert dabei, die ganze Inszenierung ins Lächerliche zu ziehen. Absicht kann das kaum sein und zur Musik Verdis auf keinen Fall passend.

Schliesslich versucht auch Py, seiner Basler Inszenierung einen Dreh ins Zeitgeschehen zu geben. Wie aktuell jedoch diese Lenin-Statue sein soll, die da im dritten Akt vom Sockel gestürzt wird, und den Fall eines jeden Mächtigen symbolisieren will, das darf schon sehr befragt werden.

Ein Mann sitzt auf einer Bühne. Auf dem Stuhl neben ihm hocken schwarze Vögel. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Ein grossartiger Albtraum: Barrie Koskys «Macbeth» am Opernhaus Zürich. Opernhaus/Monika Rittershaus

Rabenschwarzes Bild

Ganz anders Barrie Koskys Zürcher «Macbeth». Kosky, der als Chef der Berliner Komischen Oper manch schrille Operette auf die Bühne gebracht hat, zeigt einen abstrakten Vorgang in einem rabenschwarzen Bühnenbild. Die Prophezeiungen über seinen Aufstieg und die Gefahren seines Falls erlebt der Zürcher Schottenkönig Macbeth als Albtraum mit wimmelnden Händen vor seinem Gesicht.

Eine Vision, aus der er erstmal prustend auftauchen muss, bevor es überhaupt ans Weitersingen geht. Das Morden von Konkurrenz, Kind und Kegel, kurz: die blutige Steilrampe zur Macht – das sind innere Vorgänge, an denen Macbeth und Lady Macbeth zunehmend leiden.

Kein Schöngesang!

Gesanglich wagen Markus Brück und Tatiana Serjan in Zürich, das umzusetzen, was Verdi für seinen «Macbeth» gefordert hat. Keinen Schöngesang, keinen Belcanto! Da wird fast geschrien, gehaucht auch, gesprochen.

Nicht ganz einfach für Wohlklang-erprobte Sänger, aber beim Hören geht einem so etwas nahe. Vladislav Sulimsky und Katia Pellegrino in Basel dagegen singen nur am Rande so, wie Verdi es wollte. Der Rest: solider, fein gestalteter (Sulimsky), dolchscharfer (Pellegrino) Operngesang.

Partitur unter der Lupe

Liegen in Inszenierung und Gesang schon Welten zwischen den beiden Produktionen, so sind die Unterschiede im Orchestergraben noch deutlicher. Eric Nielsen liefert in Basel einen auf die lauten Aktschlüsse hinzielenden Verdi. Teodor Currentzis in Zürich dagegen nimmt die Partitur unter die Lupe der historischen Aufführungspraxis (kein Vibrato in den Streichern) und schärft sie mit extremen Tempi, dynamischen Gegensätzen und einer glasklaren Artikulation. Verdi so neu zu hören, vom eingeschliffenen Operndurchschnitt meilenweit entfernt – das ist direkt ein Vergnügen.

Möglicherweise stünde die solide, wenngleich in der Inszenierung recht unentschiedene Basler Produktion weniger schlecht da, hätte nicht knapp zwei Wochen zuvor in Zürich ein brillanter «Macbeth» Premiere erlebt. Doch das Bessere ist nun mal immer der Feind des Guten.

Sendungen: Radio SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 18.04.2016, 07.20 Uhr und 04.04.2016, 08.20 Uhr

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