Zum Tod von Tankred Dorst Seine Kunst war der Dialog – auf und neben der Bühne

Kaum einer schrieb mehr Stücke für das zeitgenössische deutsche Theater: Tankred Dorst ist mit 91 Jahren gestorben.

Dramatiker Tankred Dorst. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Bis zum Schluss schrieb er: Dramatiker Tankred Dorst. Keystone

  • Der deutsche Dramatiker Tankred Dorst ist gestorben. Er wurde 91 Jahre alt.
  • Seine Stücke wurden vielfach ausgezeichnet.
  • Dorst griff gerne auf Stoffe aus Mythen und Märchen zurück – so auch in seinem bekanntesten Werk «Merlin oder Das wüste Land».

Wohl niemand hat das zeitgenössische deutsche Theater mit so vielen und so verschiedenen Stücken bereichert wie Tankred Dorst. Er schrieb bis zum Schluss.

Heute Donnerstag ist der Dramatiker mit 91 Jahren in Berlin gestorben, teilte der Suhrkamp-Verlag mit.

Alles dreht sich um den Dialog

Fast genau vor einem Jahr, am 7. Juni 2016, kam bei den Ruhrfestspielen sein letztes Stück zur Uraufführung: «Das Blau in der Wand». Ein altersweiser Dialog eines Paares, abgeklärt, aber keineswegs rückwärtsgewandt.

«Schön, dass es weitergeht», lautet der erste Satz darin. Dann folgt dieser Wortwechsel:

Sie: «Verdammte Scheisse!»
Er: «Ich meinte das Kind.»
Sie: «Ich auch.»
Er: «Freuen Sie sich denn nicht?»
Sie: «Das geht sie nichts an.»
Er: «Stimmt.»

Mit wenigen, knappen Worten erstehen Figuren vor dem Zuschauer. Tankred Dorsts Kunst ist die Kunst des Dialogs – in seinen Texten, aber auch als Arbeitsweise.

Mit seiner Lebensgefährtin Ursula Ehler arbeitet Tankred Dorst eng zusammen. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Lebenspartner und Arbeitsgemeinschaft: Tankred Dorst und Ursula Ehler. Imago/Future Image

Figuren entstehen im Gespräch

Er wirkte stets im Austausch mit seiner Lebensgefährtin Ursula Ehler, die weit mehr als blosse Mitarbeiterin war. Gemeinsam erfanden sie ihre Theaterfiguren im Gespräch.

«So wie wir über andere Menschen reden, über Freunde oder Feinde, reden wir auch über die Figuren, die in den Stücken vorkommen sollen», erläuterte Dorst in einem Interview.

Durch das Sprechen hätten sie oft zum richtigen Ausdruck oder Rhythmus gefunden: «In einem Theaterstück handelt es sich ja später auch um gesprochene Sprache.»

Mythen, Märchen, Merlin

Oft waren es Stoffe aus Mythen und Märchen, die Tankred Dorst und Ursula Ehler inspirierten. «Der gestiefelte Kater» nach Ludwig Tieck war eine von Dorsts allerersten Theaterarbeiten 1964.

Wohl die bekannteste und bis heute am meisten gespielte ist «Merlin oder Das wüste Land», ein Abgesang auf abendländische Utopien. Seit der Uraufführung 1981 in Düsseldorf haben zwei Generationen Regisseure immer wieder neue Aspekte darin gefunden und daran herausgearbeitet.

So zum Beispiel Stefan Bachmann, der das Stück 1999 als bunten Fantasy-Bilderbogen im ganzen Grossen Haus des Theaters Basel inszenierte: Das Publikum wanderte mit, von der Hinterbühne auf die Hauptbühne und zuletzt in den Zuschauerraum.

Schmale Hefte, kurze Sätze

Prosastücke, Drehbücher, Hörspiele und Libretti, Kinder- und Puppentheatertexte hat Tankred Dorst geschrieben. Immer von Hand und in schmale Hefte: damit die Sätze nicht zu lang werden.

Die Neigung zu märchenhaften Stoffen begleitete ihn stets, sagte Dorst anlässlich der Basler «Merlin»-Inszenierung: «Selbst in meinen realistischen Werken kommen immer wieder Motive aus Märchen vor: verschlossene Zimmer etwa, oder der Mann im Eis.»

Ein «Mann im Eis» ist auch Korbes im gleichnamigen Drama – der Menschenschinder, den Dorst in eine regelrechte Passions-Geschichte schickt. Und auch mit dieser Figur verbinden sich nachhaltige Basler Theaterbilder, 1992, als Norbert Schwientek Korbes spielte und damit zum «Schauspieler des Jahres» wurde.

Mit 80 noch einmal debütiert

Mit Manfred Beilharz hat Dorst 1992 die Bonner Biennale gegründet, die «Neue Stücke aus Europa» vorstellt. Mit seinen eigenen Dramen war er sieben Mal zu den Mülheimer Theatertagen eingeladen.

Sein Debüt als Opernregisseur gab er im Alter von 80 Jahren bei den Bayreuther Festspielen, mit nichts geringerem als Wagners «Ring des Nibelungen».

«Was ist der Mensch?»

Bei aller spielerischen Ausdrucksvielfalt war es im Grunde eines, das Tankred Dorst interessierte: der Mensch. «Im Hintergrund steht für mich immer die Frage: Was ist der Mensch? Wie soll er sich verhalten? Was ist er?»

Mit Tankred Dorst hat uns einer der produktivsten und erfolgreichsten Theaterautoren verlassen, aber auch einer der offensten, neugierigsten – und vor allem einer, der Kunst als Dialog verstand.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 1.6.17, 17:08 Uhr