Theater machen gegen die Launen der Freiheit

Die kreative Kraft von Protestformen hat sie inspiriert: Am Theaterfestival «Voicing Resistance» bringen Künstler zivilen Ungehorsam aus aller Welt auf die Bühne. Und verbinden in ihren Arbeiten jüngste und längst vergangene Geschichte.

Ein Cellist unterstützte den kreativen Widerstand im Gezi-Park mit seiner Musik. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Ein Cellist unterstützte den kreativen Widerstand im Gezi-Park mit seiner Musik. Keystone

«Viele der Theaterarbeiten des Festivals stellen einen Bezug zur Geschichte in ihren jeweiligen Ländern her», sagt Irina Szodruch, Dramaturgin am Berliner Maxim Gorki Theater. «Eine Künstlergruppe aus Istanbul hat dabei zum Beispiel die Proteste vom Gezi-Park im letzten Jahr in Bezug gesetzt zum türkischen Militärputsch 1980.»

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«Whims of Freedom»

Im Rahmen seiner Reihe «Voicing Resistance» zeigt das Berliner Maxim Gorki Theater bis zum 7.12. auch die Performance «Whims of Freedom», übersetzt «Die Launen der Freiheit». Die Regisseurin Leila Suliman stellt darin die Frage: Was bleibt von einer Revolution?

Von Theaterabenden bis zu Performances zeigt das Gorki Theater derzeit alles, was sich rund ums Thema Revolution dreht. Dabei geht es aber nicht so sehr darum, die Geschichte mit der Gegenwart zu vergleichen, erläutert die Dramaturgin. Die Frage lautet: Was ist das Vermächtnis einer Revolution? Warum sind einige Proteste erfolgreich und andere nicht? Ist es vielleicht nur eine Laune des Schicksals, eine Laune der Freiheit?

Die Produktion «Whims of Freedom» der Kairoer Künstlergruppe um Regisseurin Leila Suliman versucht zu ergründen, was von einer Revolution übrigbleibt, wenn sich nach 100 Jahren kaum noch jemand daran erinnert.

Die erste grosse Revolution in Ägypten

Die Bühnendekoration der Performance «Whims of Freedom» ist sehr spartanisch. Ein Stehpult. Ein Stuhl. Ein Grammophon. Wie bei einer Vorlesung an der Uni projizieren die Darstellerinnen Videos und Bilder an die Wand. Sie zeigen die erste grosse Arbeiter- und Bauernrevolution in Ägypten nach dem Ersten Weltkrieg. Parallel zu dieser Revolution entwickelte sich eine lebendige Musik- und Theaterbewegung. Aus Briefen und Gedichten und aus den Liedern auf alten Schellack-Platten lassen sie ein Mosaik entstehen, als klingendes Sittengemälde der damaligen Zeit.

Nanda Mohammed hat das Lied mit dem Titel «Mein Augapfel» schon als kleines Kind mitgesummt. Den Text verstanden hat die Schauspielerin erst durch die Recherchen zum Theaterstück. «Jeder in der arabischen Welt kennt dieses Lied. Wir wussten nicht, dass es während des Ersten Weltkriegs gesungen wurde.» Erst während ihrer Recherche zur Performance entdeckte die Kairoer Gruppe aus Künstlern, Musik- und Sozialwissenschaftlern, dass dieses Lied von Männern stammt, die von Ägypten aus in den Ersten Weltkrieg zogen und ihren Trennungsschmerz besangen.

Erster Weltkrieg ist in Ägyptens Geschichtsbüchern kein Thema

«Der Erste Weltkrieg und die Revolutionen danach kommen in den Geschichtsbüchern in Ägypten kaum vor», erläutert Nanda Mohammad. Wie schafften es die Revolutionäre damals, erfolgreich zu sein? Kann das Neu-Erkunden dieser alten Revolution dem heutigen Publikum in Kairo die Umbrüche während des kurzen arabischen Frühlings erklären?

«Unser Publikum will vor allem die eigene Gegenwart auf der Bühne sehen», sagt Regisseurin Leila Sulimann. «Dass sich 100 Menschen versammeln und öffentlich über eine Revolution sprechen, ist sonst kaum möglich. Deshalb kommen die Leute und debattieren aufgeregt über die Performance.»

Kunst über vergessene Geschichte

Künstlerinnen wie Leila Suliman fragen in ihren Stücken, was von einer Revolution heute noch übrig ist. Denn die kurze Zeit der Euphorie nach dem Sieg auf dem Tahir Platz ist auch in Ägypten schon wieder verflogen. Zensur und Massenverhaftungen bestimmen erneut den Alltag. Viele Theater wurden geschlossen. Auch Leila Sulimann und ihre Truppe wissen nicht, wie lange sie noch öffentlich auftreten dürfen. Wer wird sich in 100 Jahren noch an den kurzen arabischen Frühling erinnern? Was bleibt, sind vor allem die Lieder.