Prinz Achmed von Bagdad verliebt sich in die schöne Fee Pari Banu. Ein böser Zauberer schmiedet Ränke und entführt die Fee nach China. Achmed lernt Aladdin kennen und zusammen befreien sie Pari Banu aus den Händen des Zauberers. Das ist – mit vielen Irrungen und Wirrungen dazwischen – die Geschichte des Zeichentrickfilms «Die Abenteuer des Prinzen Achmed».
Das Mädchen mit den Scherenhänden
Der Film ist ein Schattentheater, die Motive stammen aus der Märchensammlung 1001 Nacht. Die Künstlerin hinter dem Film heisst Lotte Reiniger, sie ist zum Zeitpunkt der Filmpremiere gerade mal 27 Jahre alt.
Schon in der Schule entwickelt die 1899 in Berlin geborene Reiniger eine Leidenschaft für Scherenschnitt und Schattenspiel. Geprägt vom ornamentalen Jugendstil ist sie bald schon eine Künstlerin mit Papier und Schere.
In der Ausbildung als Schauspielerin lernt sie Paul Wegener kennen, berühmt durch seinen expressionistischen Stummfilm «Der Golem». Wegener bringt Lotte Reiniger mit Leuten in Kontakt, die in der Filmstadt Babelsberg ein Trickfilmatelier einrichten.
In einem Interview von 1981 erinnert sich die 82-jährige Lotte Reiniger daran, wie Wegener sagte: «Nehmt mir das Silhouetten-Mädchen vom Halse, lasst sie doch mal ihre Figuren auf den Tricktisch legen und versuchen, einen Film zu machen.»
Drei Jahre Handarbeit
Reiniger kann im neuen Trickfilmstudio ihre ersten Kurzfilme machen – Märchen sind ihre Vorliebe, einer ihrer ersten Werke ist «Aschenputtel».
Ihre Scherenkunst macht Reiniger in Filmkreisen schnell bekannt: Bertolt Brecht möchte sie für ein multimediales Bühnenprojekt engagieren. Das Werk kommt zwar nicht zustande, aber Reiniger bleibt mit Brecht in Kontakt.
1922 heiratet Lotte Reiniger ihren tricktechnischen Berater Karl Koch und kurz darauf beginnen die beiden die Arbeit an einem grossen, abendfüllenden Film: Hinter den «Abenteuern des Prinzen Achmed» stehen drei Jahre Vorbereitung: Reiniger schneidet jedes einzelne Bild von Hand aus.
Bei der Erstaufführung in Berlin im Mai 1926 wird der französische Regisseur Jean Renoir darauf aufmerksam und vermittelt im Juli 1926 eine Premiere in Paris: Lotte Reiniger und ihr Film werden international bekannt.
Meisterwerk des frühen Animationsfilms
Technisch und ästhetisch ist der Film «Die Abenteuer des Prinzen Achmed» der Zeit weit voraus – und gilt auch heute noch als Meisterwerk der Animationskunst. Obwohl schwarze, flächige Silhouetten scheinen die Figuren zu leben, die mehrfach übereinandergelegten Hintergründe schaffen eine räumliche Tiefe, Licht- und Farbeffekte Dramatik, die zuweilen an die psychedelischen Musikfilme der 1970er-Jahre erinnern.
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Bild 1 von 4. «Ein Zauberspuk treibt sich auf der Leinwand herum», heisst es 1926 im «Neuen Wiener Journal» über «Die Abenteuer des Prinzen Achmed» …. Bildquelle: IMAGO / Album.
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Bild 2 von 4. … und weiter: «Figuren und Dekorationen sind mit hingebungsvoller Liebe angefertigt, der ferne Orient und selbst das Gebiet der Zauberländer wird so sichtbar, wie blühendste Phantasie sich Traumgegenden ausmalt.». Bildquelle: IMAGO / United Archives International.
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Bild 3 von 4. Lotte Reiniger beim Filmemachen: Flache Puppen aus einzeln ausgeschnittenen Pappteilen werden von ihr im Stop-Motion-Verfahren animiert. Für «Die Abenteuer des Prinzen Achmed» wurden etwa 250'000 Einzelbilder angefertigt. Bildquelle: IMAGO / Ronald Grant.
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Bild 4 von 4. Ab den 1950er-Jahren arbeitete die Filmemacherin für die BBC – zusammen mit ihrem Ehemann, der sie hier bei der finalen Bearbeitung eines Films unterstützt. Bildquelle: IMAGO / United Archives Keystone.
Auch einen Schweiz-Bezug gibt es: 2005 spielte das Schweizer Klavier-Quintett I Salonisti die originale Filmmusik von Wolfgang Zeller neu arrangiert ein.
Lotte Reiniger machte ihr ganzes Leben Scherenschnitt-Filme. Sie arbeitete mit bekannten Künstlern zusammen, etwa mit den Komponisten Igor Strawinsky und Benjamin Britten. In den 1950ern gestaltete sie Märchenfilme für die BBC. Aber «Die Abenteuer des Prinzen Achmed» blieb ihr einziger abendfüllender Film. Ein Werk, mit dem Lotte Reiniger Filmgeschichte geschrieben und Generationen von Animationsfilmschaffenden inspiriert hat.