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Michael Steiner über «Und morgen seid ihr tot»
Aus Künste im Gespräch vom 23.09.2021.
abspielen. Laufzeit 13:01 Minuten.
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17. Zurich Film Festival Sie waren Geiseln der Taliban – und wurden dafür gegeisselt

Einseitig, aber vielschichtig: Michael Steiners Drama «Und morgen seid ihr tot» eröffnete das 15. Zurich Film Festival. Der Film erzählt die wahre Geschichte eines Schweizer Paares, das vor zehn Jahren in Pakistan entführt wurde.

Auf ihrem strapaziösen Fussmarsch durch die Berge lassen die Entführer ihre beiden Schweizer Geiseln einer Hüttenruine kurz unbeaufsichtigt, um draussen hinter zerfallenden Mauern gemeinsam zu beten. David Och sieht die zur Seite gestellten Gewehre und damit eine Chance. Daniela dagegen ist entsetzt.

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Trailer zu «Und morgen seid ihr tot»
Aus Kultur Webvideos vom 22.09.2021.
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Wochen des Wartens

Die Szene ist nervenaufreibend, auch für das Publikum. Für Morgane Ferru (Daniela) und Sven Schelker (David) dagegen ist sie eine der vielen Gelegenheiten für schauspielerische Zwischentöne. Denn es kommt nicht zu einem Blutbad.

Der Fussmarsch geht weiter. Die Gefangenschaft wird noch Hunderte von Tagen dauern.

Auch wenn die Entführung und schliesslich die gelungene Flucht genügend Anlass bieten für abenteuerliche Momente mit Waffen, Lärm und Gewalt: Die 259 Tage der Gefangenschaft bestehen vor allem aus Angst und Warten. Aus diesen Tagen des Wartens hat Michael Steiner mit Drehbuchautor Urs Bühler ein spannendes, unprätentiöses, im besten Sinne klassisches Kinostück gemacht.

Flucht nach 259 Tagen

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Daniela Widmer und David Och
Legende: Daniela Widmer und David Och Keystone

Im Sommer 2011 reisten Daniela Widmer und ihr damaliger Freund David Och im VW-Bus nach Indien. Auf der Rückfahrt durch Pakistan wurde das Paar entführt und 500 Kilometer Richtung Norden ins pakistanische Waziristan verschleppt, nahe der Grenze zu Afghanistan, ins Stammland der Taliban.

Misshandelt wurden sie nicht, lebten aber achteinhalb Monate in ständiger Todesangst und unter schlimmsten hygienischen Bedingungen. David Och erkrankte zweimal an Malaria und nahm 22 Kilo ab.

Im Laufe der Monate wurde die Situation immer auswegloser. Als sich in den Wintermonaten auch die letzte Hoffnung auf einen Erfolg der Verhandlungen zerschlug und die Bewachung immer nachlässiger wurde, gelang dem Paar nach achteinhalb Monaten die Flucht.

Die Ex-Geiseln wurden in der Schweiz heftig kritisiert, weil sie sich selber in Gefahr gebracht hätten. Auch an der Fluchtversion der beiden wurde von Experten gezweifelt.

War es Leichtsinn?

«Selber schuld», lautete vor zehn Jahren der Schweizer Tenor, als Daniela Widmer und David Och 2011 in Pakistan entführt und als Geiseln an die Taliban übergeben wurden. Ihre erfolgreiche Flucht nach acht Monaten wurde von vielen als Resultat einer heimlichen Lösegeldzahlung durch die Schweiz interpretiert.

Drehbuchautor Urs Bühler und Regisseur Michael Steiner folgen mit ihrem Spielfilm dem 2013 erschienenen Erlebnisbericht des einstigen Paares. Die eigenartig gehässige Stimmung in der Schweiz, welche dem entführten Paar zumindest Leichtsinn oder sogar eine Mitschuld zuschrieb, taucht im Film erst ganz am Ende auf, wie ein Nachgedanke im Abspann.

Legende: Geiseln der Taliban – und selber schuld daran? Diese Frage spaltete vor zehn Jahren die Schweiz. Walt Disney Switzerland

Die Grenzen der Diplomatie

Spürbar wird sie in den wenigen Szenen, welche die Treffen der Eltern der beiden mit den Schweizer Behörden zeigen, die offiziellen Versuche, so viel wie möglich so heimlich wie möglich auf diplomatischem Weg zu erreichen. Und über den ebenso unglücklichen Versuch von Danielas verzweifeltem Vater, via Medien Druck auf die in seine Augen zu zögerliche offizielle Schweiz zu machen.

Den psychologischen Kern des Films bildet das Paar, das sich gegenseitig stützt, aber eben auch fetzt, wenn Angst und Verzweiflung zu gross werden. Die spannende Dynamik entsteht aus den unterschiedlichen Arten der beiden, mit ihren Entführern und Wärtern umzugehen. Während Daniela auf Diplomatie setzt, auf das schnelle Lernen ihrer Sprache, auf persönliche Beziehungen, scheinen bei David immer wieder Trotz und Wut durch.

Das alles führt dazu, dass das Kinopublikum auch die Entführer und die Aufpasser und deren teilweise nicht minder verzweifelte Situation kennen und verstehen lernt.

Klare Perspektive

«Und morgen seid ihr tot» ist stark dank der konsequent reduzierten Perspektive und dank des sparsamen, geschickten Einsatzes von kurzen, flashartigen Szenen – da zeigt etwa ein Taliban-Führer David eine den Pakistani abgenommene Pistole, auf der deutlich «Made in Switzerland» eingraviert ist.

Michael Steiner lässt keinen Zweifel daran, wessen Version der Geschichte ihn antreibt. Zugleich aber fächert der Film Motivationen, Ängste und Hoffnungen aller Protagonisten weit auf und überzeugt gerade dadurch erst recht.

Kinostart: 28.10.2021

SRG-Koproduktion

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Die SRG ist Koproduzentin dieses Films.

Radio SRF 2 Kultur, Künste im Gespräch, 23.9.2021, 9:03 Uhr

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