Wer sich wundert, dass ein dreissig Jahre alter japanischer Animationsfilm wie «Prinzessin Mononoke» restauriert wird und einen so breiten Kinostart auf den grossen Leinwänden in der ganzen Schweiz feiert, muss nur einmal in das Angebot der grossen Streamingdienste schauen: Anime, wohin das Auge reicht. Netflix gab im letzten Jahr an, rund die Hälfte ihrer Kunden schauten mittlerweile auch Animefilme und -serien.
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Bild 1 von 3. «Prinzessin Mononoke» ist eine komplexe Geschichte über den Konflikt zwischen den industrialisierten Menschen und den Wesen des Waldes. Bildquelle: Studio Ghibli.
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Bild 2 von 3. Die Waldgeister in «Prinzessin Mononoke»: Die Geister- und Dämonenwelt des Shintoismus ist in den Ghibli-Filmen allgegenwärtig. Bildquelle: Studio Ghibli.
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Bild 3 von 3. Prinzessin Mononokes Gegnerin ist die Herrin Eboshi. Für ihre Eisenhütte braucht sie das Holz des Waldes, deshalb will sie den Gott des Waldes töten. Bildquelle: Studio Ghibli.
Die Filme aus dem Studio Ghibli ragen aus dem Meer der Anime wie Leuchttürme. Sie haben grossen Anteil daran, dass das Interesse an der Kunst des japanischen Zeichentrickfilms auch in der restlichen Welt gestiegen ist: spätestens seit Hayao Miyazakis Film «Chihiros Reise ins Zauberland» 2003 als erster nicht englischsprachiger Animationsfilm einen Oscar gewann.
Um sich von der erfolgsgetriebenen japanischen Filmindustrie zu lösen, gründeten Isao Takahata (er starb 2018) und Hayao Miyazaki, der am 5. Januar seinen 85. Geburtstag feierte, 1985 ihr eigenes Studio – als Labor für Experimente.
Auf Motivsuche in Europa
Schon zuvor hatten sie – das war ungewöhnlich – statt japanischer Mangas europäische Literatur bearbeitet. Die TV-Serie «Heidi» nach Johanna Spyri zum Beispiel. Auch in ihren Filmen tauchen europäische Motive und Bilderwelten auf. Da landet die junge Hexe «Kiki» im Film «Kikis kleiner Lieferservice» in einer Stadt, die aussieht, wie Visby in Schweden. Oder das kleine Fischmädchen «Ponyo», das gerne ein Menschenkind sein würde, heisst mit Vornamen Brünhilde, und der Soundtrack klingt wie Wagners Nibelungen.
Sind uns die japanischen Mythen mit ihren Geister- und Dämonenwelten in den Animes zuweilen fremd und unverständlich, so erleichtern solche Bezüge zu unserer westlichen Kultur den Zugang zu den Filmen.
Die «Ghiblifizierung» der Welt
Als Open AI letztes Jahr ein Tool veröffentlichte, um über Fotos einen Ghibli-Filter zu legen, löste das einen regelrechten Boom auf Social Media aus. Das banale Familienfoto sah plötzlich aus wie einem der zauberhaften und im wahrsten Sinne bildschönen Ghibli-Filme entnommen. Dass die KI-generierte «Ghiblifizierung» komplett der Maxime des Filmstudios widerspricht, machte Altmeister Miyazaki schon 2016 klar, als er sagte, er sei von digital generierten Animationsbildern zutiefst angewidert, sie seien «eine Beleidigung des Lebens selbst». Denn seine Filme – sowie fast alle aus dem Studio Ghibli – tragen wortwörtlich eine besondere Handschrift: Sie sind alle von Hand gezeichnet.
Heute brechen die Filme aus dem Studio Ghibli in Japan regelmässig Kassenrekorde, überflügeln locker Hollywood-Blockbuster. Als Miyazaki 2023 nochmals mit einem Film überraschte (er hatte schon 2014 verkündet, aufzuhören) feierte der Film nicht etwa in Japan Premiere, sondern im Wettbewerb des renommierten Filmfestivals von Venedig.
Und so feiert auch das fast 30-jährige Ghibli-Meisterwerk «Prinzessin Mononoke» in restaurierter Fassung einen grösseren Kinostart bei uns als zu seiner Erstaufführung 1997.
Kinostart in der Deutschschweiz: 12. Februar