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Balkan-Kinohit «Svadba»: Eine Hochzeit, zwei Nationen – und alle gehen ins Kino

Auf Platz 2 der Schweizer Kinocharts: Die Hochzeitskomödie bringt serbisch-kroatische Empfindlichkeiten auf die Leinwand – und serviert sie so, dass alle lachen dürfen.

Über eine Million Zuschauerinnen und Zuschauer im Westbalkan. In Kroatien der erfolgreichste Film überhaupt. Und auch in der Schweiz (über 23'000 Eintritte), in Österreich und in Deutschland füllen sich die Kinosäle. Eine serbisch-kroatische Hochzeitskomödie als Kinoereignis. Das ist, sagen wir: keine Selbstverständlichkeit.

«Svadba» vom kroatischen Regisseur Igor Šeregi bietet ein bekanntes Setting: zwei Familien, eine Hochzeit, ein Geheimnis – und der Moment, in dem jemand das Falsche sagt. In «Svadba» – auf Deutsch: Hochzeit – sagt schnell jeder das Falsche.

Menschen in unterschiedlichen Outfits stehen draussen im Grünen.
Legende: Der orthodoxe Priester hört zu, der Politiker redet, die schwangere Braut wartet – und irgendwo plant jemand schon den nächsten Schaden. Neugass Kino AG

Er ist Serbe, sie Kroatin, sie schwanger, beide aus wohlhabenden politischen Haushalten. Was diskret bleiben sollte, wird zur Balkan-Variante von «Meet the Parents». Nur dass hier gleich mehrere historische und aktuelle Ressentiments auf die Bühne dürfen, von Nationalstolz bis Alltagsrassismus.

Ein Hoch auf die Kränkung

Formal bleibt «Svadba» konventionell. Ensemblefilm, saubere Eskalationskurve, kalkulierte Peinlichkeiten. Manche Gags sind absehbar, manches Fluchen wirkt wie der Ersatz für Pointen. Und doch funktioniert der Film. Vielleicht, weil er das bietet, was dem regionalen Kino und der Diaspora lange fehlte: kollektives Lachen nach Jahren der Kriegsdramen.

Eine Frau mit erhobenen Armen hält einen Becher, daneben steht eine andere Frau auf einer Terrasse.
Legende: Die Mutter des Bräutigams versucht Haltung zu bewahren. Die Grossmutter hat vorsorglich den Flachmann mitgebracht: «Svadba» ist ein Fest. Neugass Kino AG

Das macht «Svadba» nicht zu einem mutigen Film, aber einem geschickten. Er setzt auf die beruhigende Mechanik des Wiedererkennens: Das Publikum kennt diese stolzen Väter, die besorgten Mütter, die Beleidigungen, den Pathos, der im Alkohol ertränkt wird.

Und auch den Nationalismus. In «Svadba» wird dieser nicht analysiert, sondern domestiziert – er darf auftreten, lärmen, sich blamieren, und wird dann im Gelächter neutralisiert. 

Man darf ja wohl noch lachen

Etwa wenn die Väter – ein kroatischer Unternehmer und ein serbischer Aussenminister – sich im Suff erstaunlich ähnlich werden («Du kannst mich mal, du und deine europäischen Werte!», «Mrš!»). Oder praktisch alle Figuren versuchen, aus der Situation Kapital zu schlagen: Der Priester will eine neue Kirchentüre finanziert bekommen, der Politiker eine Genehmigung, der Unternehmer Expansion. Opportunismus als gemeinsame Sprache. Das ist die komische Erkenntnis des Films: Ideologie trennt, Geschäfte verbinden.

«Svadba» ist kein Film, der alte Wunden heilt. Er legt sie offen – und macht daraus ein Fest. Der Witz funktioniert, weil er nicht so tut, als sei alles vergessen. Er erlaubt es, über Feindbilder zu lachen, ohne sie ganz aufzugeben. Darin liegt sein Risiko. Und sein Erfolg. Eine kontrollierte Grenzüberschreitung. Einmal noch alles sagen dürfen, im sicheren Rahmen der Komödie.

Bitte einmal beleidigt fühlen

«Svadba» ist offensichtlich nicht ein grosser Film über Geschichte, dafür ein lauter, komischer über die Gegenwart. Und vielleicht reicht das im Moment.

Dass nun im Westbalkan heftig gestritten wird, passt ins Bild. Wer kommt schlechter weg: Serben oder Kroaten, Katholiken oder Orthodoxe? Kirchenvertreter warnen vor dem Kinobesuch, Kommentatoren zählen nach, welche Beleidigung schwerer wiegt. Vielleicht erklärt sich der Erfolg daraus: Jede Seite fühlt sich getroffen – und behauptet zugleich, ungerecht behandelt worden zu sein. Wer sich beschwert, hat sich offenbar erkannt.

Radio SRF 2 Kultur, Kultur-Aktualität, 27.2.2026, 16:30 Uhr

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