Es ist erstaunlich, wie kurz der Weg von Dublin nach Hollywood ist. Für den Iren Colin Farrell brauchte es Ende der 90er-Jahre nur ein paar kleinere Rollen in irischen und britischen Serien und Filmen, und schon holte ihn Hollywood-Schwergewicht Joel Schumacher für ein Casting nach Los Angeles. Das Casting führte zu Farrells erster grosser Hauptrolle im Kriegsfilm «Tigerland».
Es folgten zahlreiche weitere Hauptrollen: «Minority Report» von Farrells Kindheitsidol Steven Spielberg zum Beispiel, das Kammerspiel «Phone Booth», wieder von Joel Schumacher, Oliver Stones Historienfilm «Alexander» und die actiongeladene Neuauflage von «Miami Vice» von Michael Mann.
«Ich habe das nicht verdient»
Farrells Aufstieg zum A-Lister ging so rasant, dass ihn der Schauspieler selbst nicht verstehen kann. «Ich habe das nicht verdient», sagte er letztes Jahr am Zurich Film Festival, wo er einen Preis für sein Lebenswerk entgegennahm. Dass er für seine Schauspielerei so viel Zuspruch erhalte, sei für ihn nicht nachvollziehbar.
Tatsächlich hätte es für Farrell auch ganz anders kommen können. Zwar erzählt er, dass er als Junge staunend vor dem Fernseher sass und die Filme von Spielberg, Lucas und Zemeckis liebte. Aber eigentlich wollte er erst Fussballer werden wie sein Vater, bevor er seiner Schwester an die Schauspielschule folgte.
Die schmiss er schnell wieder hin, wie so vieles. Farrell sagt, dass er ab 14 durchgehend betrunken oder high war. Der Aufstieg zum Erfolg gelang trotz der Sucht, erst seit 2006 lebt Farrell clean.
Verpeilt, aber unbeirrbar
Farrell hat sich im Verlaufe seiner Karriere nie festgelegt. Er spielt in Thrillern, Komödien, Romanzen und Dramen, glänzt in Blockbustern genauso wie in Indie-Filmen. Prägend für seine Karriere ist die Freundschaft zum irischen Filmemacher Martin McDonagh. Farrell ist in dreien seiner Filme zu sehen. Der bisher letzte und beste, «The Banshees of Inisherin», brachte dem Schauspieler seine erste Oscar-Nomination ein.
Die Rollen, die Farrell in den Filmen von McDonagh spielt, sind typisch für den Schauspieler geworden: Ein etwas verpeilter und verstörter Mann mit starkem irischem Akzent navigiert mit erstaunlicher Hartnäckigkeit durch anwachsende Schwierigkeiten.
Der Star, den man nicht vermisst?
Farrell kann auf der Leinwand unscheinbar auftreten. Der amerikanische Filmkritiker A. O. Scott meinte gar: «Wenn er nicht in einem Film ist, vermisst man ihn nicht. Und wenn er dabei ist, schaut man früher oder später etwas anderes an.»
Die harsche Kritik tut Farrell Unrecht. Denn der wandelbare Ire kann auch eine intensive Präsenz entwickeln. Das zeigte er zuletzt als Bösewicht im Film «The Batman» und in der Serie «The Penguin». Den Pinguin wird er demnächst in «The Batman 2» nochmals verkörpern, es ist anzunehmen, dass auch die Serie fortgesetzt wird.
Als Pinguin steckt Farrell in einer Maske, die ihn komplett unkenntlich macht. Man könnte A. O. Scotts Kritik darum auch umdrehen: Man schaut Colin Farrell sogar dann gebannt zu, wenn man ihn gar nicht sieht.