«Demolition»: Zerstörungswut tut dem Witwer gut

Jeder trauert anders. Doch nicht jede Art zu trauern ist gesellschaftskonform. Wer sich die Seele aus dem Leib heult, erntet Mitgefühl. Wer dagegen – wie Jake Gyllenhaal in «Demolition» – aus der Wohnung Kleinholz macht, wird für verrückt gehalten. Auch das Publikum zeigt bisher kein Verständnis.

Video «Im Kino: «Demolition»» abspielen

Im Kino: «Demolition»

Alles beginnt mit einem Autounfall: Investmentbanker Davis (Jake Gyllenhaal) überlebt auf dem Beifahrersitz. Seine Frau Julia erliegt im Spital ihren Verletzungen. Unter Schock spürt Davis zunächst nichts von seinem seelischen Schmerz. Da ist bloss eine grosse Leere – auch im Bauch.

Also geht der Frischverwitwete zum nächsten Snack-Automaten. Der schluckt die Münzen, ohne die gewünschte Packung M&Ms auszuspucken.

Davis verfasst daraufhin einen ausführlichen Beschwerdebrief. Nicht um sein Geld wiederzukriegen, sondern um schreibend die eigenen Gefühle zu ordnen. Nun will er’s wissen: was ihn selbst und die Welt im Innersten zusammenhält. So beginnt der neugierige Jungwitwer, auch die Dinge um sich herum gründlich auseinanderzunehmen – einiges analytisch, anderes mit dem Vorschlaghammer.

    • 1.
      Das destruktivste Zitat
      Jake Gyllenhaal sitzt mit Jungschauspieler Judah Lewis in einem Bulldozer. Bild in Lightbox öffnen.

      Bildlegende: Geben der Wohnung mit dem Bulldozer den Rest: Davis und sein Beifahrer Chris (Judah Lewis). Ascot Elite

      Davis hat im Baumarkt soeben sein Werkzeug-Arsenal massiv aufgestockt. Nun steht er neben einem rebellierenden Teenager in den eigenen vier Wänden. Der Halbstarke soll ihm dabei helfen, die Luxuswohnung zu zertrümmern. Bevor die beiden damit beginnen, fragt ihn dieser: «Wozu machen wir das Ganze schon wieder?» Die Antwort von Davis trifft den Nagel auf den Kopf: «Um meine Ehe in ihre Einzelteile zu zerlegen!»

    • 2.
      Der Regisseur
      Profilansicht des frankokanadischen Regisseurs Jean-Marc Vallée Bild in Lightbox öffnen.

      Bildlegende: Jean-Marc Vallée arbeitet derzeit für HBO an der TV Serie «Big Little Lies» mit Reese Witherspoon. Keystone

      Der Frankokanadier Jean-Marc Vallée befindet sich gerade in der Blüte seiner Kinokarriere, die vor rund 20 Jahren mit einem Blickfang begann. Der bildstarke Erotikthriller «Liste noire» war 1995 der erste seiner Art, den das Kino aus Quebec hervorgebracht hatte. International gelang Vallée der Durchbruch aber erst ein Jahrzehnt später mit «C.R.A.Z.Y». Die freche Dramödie entwickelte sich zu einem Überraschungshit: «C.R.A.Z.Y» wurde in über 50 Länder verkauft und räumte insgesamt 38 Preise ab. Danach folgte Vallée dem Ruf Hollywoods, wo er spätestens seit «Dallas Buyers Club» zu den gefragtesten Regisseuren gehört; obwohl er radikal – ohne Shotlist und Storyboard – dreht. Künstlerisch ist auch «Demolition» ein Erfolg – ökonomisch jedoch nicht: In den USA spielte Vallées neuster Film bloss mickrige zwei Millionen Dollar ein.

    • 3.
      Fakten, die man wissen sollte
      Ausschnitt des Filmposter mit Close-up von Jake Gyllenhaals Gesicht mit Sonnenbrille und Kopfhörern. Bild in Lightbox öffnen.

      Bildlegende: Hat schon ziemlich viele Jahre auf dem Buckel: Das unverwüstliche Drehbuch von «Demolition». Ascot Elite

      Jean-Marc Vallée ist nicht nur ein begnadeter Regisseur, sondern auch ein begabter Drehbuchschreiber, wie seine Skripts von «C.R.A.Z.Y» und «Café de Flore» beweisen. Das Skript von «Demolition» stammt aber nicht aus Vallées Feder, sondern derjenigen von Bryan Sipe. Das Drehbuch fusst auf dessen eigenen Erfahrungen: Als Jugendlicher jobbte Sipe für eine Firma, die Häuser abriss. Das befreiende Gefühl, das sich beim Zerstören bei ihm einstellte, nutzte er später als Inspiration für den psychologischen Unterbau seiner Hauptfigur. Und siehe da: 2007 wurde das «Demolition»-Skript auf die sogenannte «Black List» gesetzt. Nein, gemeint ist damit keine schwarze Liste mit verbotenen Titeln. Wer in Hollywood «Black List» sagt, meint damit das renommierte Verzeichnis noch unverfilmter Drehbücher, die unter Produzenten heiss begehrt sind.

    • 4.
      Das Urteil
      Die beiden Stars des Films: Jake Gyllenhaal und Naomi Watts. Bild in Lightbox öffnen.

      Bildlegende: Sie gibt Dave nach dem Tod seiner Frau Julia die Lust am Leben zurück: Karen (Naomi Watts). Ascot Elite

      Im Kern erforscht «Demolition» altbekannte Themen wie Verlust, Trauer und Neufindung. Originell ist die kunstvolle Form, die Regisseur Jean-Marc Vallée dafür gewählt hat. An manchen Stellen ist «Demolition» fast wie ein Actionfilm geschnitten – ohne deswegen künstlich zu wirken. Zwei Dinge haben dazu beigetragen. Erstens: Statt eines Filmsets mit Pappwänden durfte Jake Gyllenhaal eine richtige Luxuswohnung zertrümmern. Die Schwierigkeit dabei: Alles musste auf Anhieb klappen. Die Belohnung dafür: authentische Zerstörungslust. Zweitens: Kameramann Yves Bélanger arbeitete hauptsächlich mit natürlichem Licht statt mit zig Scheinwerfern. Weil Vallée weiss, dass sich die Schauspieler freier bewegen, wenn man auf zusätzliche Lichtquellen verzichtet. Die Schwierigkeit dabei: trotzdem ästhetische Bilder hinzukriegen. Die Belohnung dafür: natürliche Bewegungsabläufe und raumgreifende 360-Grad-Kamerafahrten. Der finale Gesamteindruck? Eine gleichermassen atemberaubende wie berührende Ode an das Leben, die Paradoxes zeigt: dass Destruktion beim Start eines konstruktiven Neubeginns helfen kann.

Kinostart: 25.8.2016