Europas «Sonderlinge» im Fokus der Kurzfilmtage Winterthur

In der Ukraine herrschen kriegsähnliche Verhältnisse. Die Schweiz sonnt sich in ihrem Wohlstand. Zwischen dem «Sorgenkind» Ukraine und dem «Sonderfall» Schweiz liegen Welten. Doch eine Parallele existiert, wie die Kurzfilmtage zeigen: Das Thema EU beschäftigt die beiden Nicht-Mitgliedstaaten stark.

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Winterthurer Kurzfilmtage widmen sich der ukrainischen Krise

2:06 min, aus Tagesschau vom 3.11.2014

«Wen muss ich anrufen, wenn ich mit Europas Führung reden will?» Angeblich soll sich das vor über 30 Jahren der damalige US-Aussenminister Henry Kissinger gefragt haben. Gut möglich, dass Kissingers entnervte Frage bloss eine Legende ist. Doch sie enthält einen wahren Kern: Am unübersichtlichen Staatengebilde haben sich schon viele die Zähne ausgebissen.

Nun nehmen sich die Winterthurer Kurzfilmtage den heimischen Kontinent zur Brust. «Framing Europe – Die europäische Idee» lautet der Titel ihres diesjährigen Fokus‘. Ein Blick auf die einzelnen Programmblöcke macht klar: Hier geht es nicht nur um die Europäische Union und ihre 28 Mitgliedstaaten, sondern um Europa im weiteren Sinne. Sprich: Um einen Kontinent, der seine Grenzen immer wieder neu definiert. Die Schweiz gehört da ebenso dazu wie die Ukraine.

Europa? Nein, danke!

Doch gehört die Schweiz überhaupt zu Europa? Kulturell sicherlich. Geschichtlich auch. Aber politisch und wirtschaftlich wahrt Helvetia gerne eine gewisse Distanz. Unter dem Titel «Sonderfall Schweiz – Beziehungsstatus: It’s Complicated» werden Meilensteine der Hassliebe zur EU unter die Lupe genommen: vom Volks-Nein zum Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) im Jahr 1992 bis zur aktuellen Euro-Skepsis.

Herzhafte Diskussionen sind nicht nur angesichts der Filme, sondern auch der geladene Gäste vorprogrammiert. So darf das Publikum unter anderem mit Regisseur Thomas Haemmerli, dem Gründer der «Gesellschaft offene & moderne Schweiz» (GomS) debattieren. Zum Beispiel darüber, warum das Volk die Masseneinwanderungs-Initiative angenommen hat. Und ob die nahende «Ecopop»-Abstimmung ein weiterer Versuch ist, die Schweiz von Europa abzugrenzen.

Europa? Ja, bitte!

Während manch Schweizer glaubt, sich Europa vom Leib halten zu müssen, würden andere Europäer alles tun, um dazuzugehören. Wie wir aus den Nachrichten wissen, wünschen sich derzeit besonders in der Ukraine viele Menschen einen Platz in der Europäischen Union. Weil sie die EU mit demokratischen Rechten assoziieren, die ihnen immer noch vorenthalten werden.

Poster der diesjährigen Kurzfilmtage Winterthur mit der kryptischen Buchstabenfolge W. m.'s k. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: «Wir machen's kurz.» Das Poster der diesjährigen Kurzfilmtage folgt konsequent der eigenen Maxime. Kurzfilmtage Winterthur

Die Proteste auf dem Maidan, dem «Platz der Unabhängigkeit» in Kiew, zeugen von der ukrainischen Sehnsucht nach Europa. Schliesslich begannen die Aufstände Ende 2013, als der damalige Präsident Victor Yanukovich das lang ausgehandelte Abkommen mit der EU scheitern liess. Dies war der Anfang einer politischen Krise, in deren Windschatten Russland die Halbinsel Krim annektierte. Danach begannen sich die Ereignisse zu überschlagen: In den Ostprovinzen brach der Bürgerkrieg aus. Und auf dem Maidan in der Hauptstadt töteten Scharfschützen der Regierung über 100 Demonstranten.

Die Dokumentation «Euromaidan. Rough Cut» ist eine erschütternde Chronik der Ereignisse aus Sicht der EU-freundlichen Protestbewegung. Die Absicht hinter dem 60-minütigen Gemeinschaftsprojekt ist klar: Die jungen, politisch aktiven Filmemacher wollten den Gefallenen der Aufstände ein Denkmal errichten. Dass Winterthur dem Agitationsfilm als erstes Festival ausserhalb der Ukraine eine Plattform bietet, kann ebenfalls als politisches Statement gewertet werden. An Zündstoff wird es in Winterthur in diesem Jahr somit garantiert nicht fehlen.