Einsicht in die Welt eines Blinden: Virtuelle Realität in Locarno

Die virtuelle Realität hat Locarno erreicht. Am Filmfestival werden Werke gezeigt, die unsere Wahrnehmung erweitern und herausfordern – und die uns gar Welten zeigen, die unsichtbar sind.

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Virtual-Reality-Filme in Locarno

2:27 min, vom 8.8.2016

Es gibt Rollen, in die man nicht schlüpfen will. Ich stecke in einer. Ich sitze an einem langen Tisch in einer kalten Wohnung. So kalt, dass es mir die Kehle zuschnürt. Neben mir sitzt eine Dame, die mich bemuttert, aber noch kälter ist als der Raum. Ich will aufstehen, kann aber nicht. Ich sitze fest – im Huis Clos der virtuellen Realität.

Eine Frau sitzt an einem langen Tisch. Auf dem Tisch ist ein Kuchen. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Ein unheimliches Heim: Szene aus «Ewa, Out of Body». Talib Rasmussen

Wie von Sinnen

Ich bin im dänischen Film «Ewa, Out of the Body». Ich trage eine Virtual-Reality-Brille. Als mir diese VR-Brille abgenommen wird und ich zurück in der Realität bin, ist mir übel. Das ist Fiktion, die auf den Magen schlägt.

Mein erster VR-Film ist eine Seltenheit: «Virtuelle Realität wird in der Fiktion noch kaum angewendet. Vielmehr wird sie von Dokumentarfilmern genutzt,» sagt Paola Gazzani Marinelli vom Genfer Filmfestival «Tous Écrans».

Seit die virtuelle Realität auch in der Filmwelt angekommen ist, verfolgt sie das «neue Genre», wie es bezeichnet. Für das Filmfestival Locarno hat sie sieben VR-Filme ausgesucht, die Festivalbesucher in einem Zelt mit VR-Brillen anschauen können.

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VR in Locarno

Die vom Festival «Tous Ecrans» ausgewählten VR-Filme können in Locarno immer abends von 18.00 bis 21.00 Uhr in der La Rotonda angeschaut werden. Hier geht's zum Programm.

In den Kinderschuhen, aber auf neuen Wegen

In Locarno sind die virtuellen Realitäten eine Neuheit, in Genf widmet sich das Festival «Tous Écrans», das jeweils im November stattfindet, schon seit mehreren Jahren VR-Filmen eine Plattform. Wurden 2014 am Festival noch drei Filme gezeigt, waren es 2015 schon 17. Dieses Jahr konkurrieren VR-Filme erstmals in einem Wettbewerb.

«VR-Filme sind noch in der Kinderschuhen. Es werden aber immer mehr. Denn die virtuelle Realität sprengt die Grenzen des herkömmlichen Filmes, bietet Möglichkeiten, die es vorher nicht gab.» Das eröffnet auch dem journalistischen Film neue Wege – die Medienunternehmen wie die BBC, die New York Times oder Vice mit speziell zusammengestellten Teams erkunden.

(Zu) nah dran

Der Film «Millions March», der von Chris Milk und Spike Jonze für Vice produziert wurde, ist die erste «begehbare» Demonstration, die mit einer 360-Grad-Kamera gedreht wurde. Als Zuschauer geht man mit «Black Lives Matter»-Demonstranten mit, ist hautnah dabei – erlebt, was man sonst nur aus Distanz betrachtet.

Eine aufwühlendes, aber auch anstrengendes Erlebnis: «In VR-Filmen wird die Rolle des Zuschauers neu definiert. Er kann nicht mehr passiv sein, sondern ist im Zentrum des Films», erklärt Paola Gazzani Marinelli. Das sei auch eine Herausforderung für die Filmer.

Denn der Zuschauer bestimmt, was er sehen will: «In VR-Filmen wird der Zuschauer zum Entdecker. Die Sichtweise des Regisseurs reicht nicht mehr. Der Zuschauer will mehr sehen als nur eine bestimmte Einstellung, die der Regisseur ausgesucht hat», sagt Paola Gazzani Marinelli.

Menschen in der Dunkelheit. Sie leuchten. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: «Notes on Blindeness: Into Darkness» macht die Welt eines Blinden auf wunderbare Weise sichtbar. Arte France / Ex Nihilo / Archer's Mark.

Wie ein Blinder sehen

Sehen, was man eigentlich nicht sehen kann: Das macht der Film «Notes on Blindeness: Into Darkness» möglich. Im Off spricht der erblindete Akademiker John Hull. Er erklärt, wie die Welt für ihn nur durch Geräusche «sichtbar» wird – Bäume etwa existieren nur, wenn der Wind sie Blättern zum Rascheln bringt. Was klingt, wird im Film sichtbar. Ansonsten herrscht Dunkelheit.

Die Welt eines Menschen, der einen Sinn verloren hat, dank virtueller Realität zu erkunden ist absurd, und gleichzeitig wunderschön. «Der Film ist einer der herausragendsten VR-Filme, den ich bis jetzt gesehen habe», sagt Paola Gazzani Marinelli.

Nicht nur für Nerds

Besonders die cinephilen Franzosen haben ein Auge auf VR-Filme geworfen: In Paris gibt es bereits ein Kino, das ausschliesslich VR-Filme zeige. Und auch Arte France sei einer der führenden Produzenten auf dem Gebiet, sagt Paola Gazzani Marinelli. Der Kultursender hat eine eigene App mit 360-Grad-Filmen.

Paola Gazzani Marinelli kann sich gut vorstellen, das VR bald auch die Massen erreicht. Denn um VR-Filme zu schauen, brauche man nur eine Brille und Filme, die bereits auf Apps wie beispielsweise der «Oculus Video App» verfügbar seien. Die Sicht wäre also frei für eine neue Kinowelt. Nun müssen sich nur noch die menschlichen Sinne daran gewöhnen.

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