Happy ohne Ende Warum wir süchtig nach Serien sind

Von «Fünf Freunde» bis «Game of Thrones»: Was als Serie erzählt ist, kann süchtig machen. Weil die Menschen ein Urbedürfnis nach Serien haben, sagt der Experte.

Zwei Kinder sitzen vor einem Fernseher auf einer Wiese Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Grosse Sogwirkung: Serien sind wie Zeitmaschinen, die das Vergangene umschreiben. Getty Images

Das Wichtigste in Kürze

  • Serien gibt es schon lange – bereits «Tausendundeine Nacht» nutzte diese Form.
  • Serien befriedigen das Urbedürfnis nach Wiederholung, sagt der Kulturwissenschaftler Johannes Binotto.
  • Gleiche Muster machen die Lektüre leichter – das ist gerade auch für Kinder attraktiv.
  • Das Online-Streaming hat dazu geführt, dass TV-Serien heute komplexer sind.

«Noch einmal!», sagen Kinder oft, sobald die Vorlesegeschichte zu Ende ist. Genau dieses Muster bedienen Geschichten, die als Serie erzählt werden. Seien es nun Buch-Serien oder TV-Serien – sowohl für Kinder und Jugendliche als auch für Erwachsene.

«Serien befriedigen ein Urbedürfnis des Menschen nach Wiederholung», meint der Kultur- und Medienwissenschaftler Johannes Binotto von der Uni Zürich und der Hochschule Luzern an der Jahrestagung des Schweizerischen Institut für Kinder- und Jugendmedien (SIKJM) in Zürich.

«Dabei bedeutet die Lust an der Wiederholung nicht Einfallslosigkeit», betont er. «Wer mehrmals eine Geschichte hört, vertieft sein Wissen über das Erlebte.»

Wie Zeitmaschinen

Serien funktionieren nach bestimmten Gesetzen. So wird eine Geschichte nicht linear erzählt, sondern nimmt Bezug auf Vergangenes. Rückkopplung nennt die Medienwissenschaft diese Methode. «Das Neue verändert das Gewesene», fasst Kulturwissenschaftler Binotto zusammen.

Serien seien wie Zeitmaschinen, die das Vergangene umschreiben und auch in die Zukunft verweisen. Die Erzählweise von Serien ist in diesem Sinne kreisförmig.

Konkret heisst das: Figuren, die man zu kennen glaubt, können sich plötzlich verändern. Gutes Beispiel hierfür ist der Lehrer Severus Snape aus J. K. Rowlings Serienhit «Harry Potter».

Lange ist Snape in der Geschichte der Bösewicht schlechthin, bis Enthüllungen über seine Vergangenheit ihn in einem gänzlich neuen Licht erscheinen lassen.

Severus Snape in seinem Labor Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Eine Figur, die sich wandelt: Severus Snape in «Harry Potter», im Film von Alan Rickman dargestellt. Imago/Zuma Press

Bekannte Muster erleichtern das Lesen

«Serien für Kinder und Jugendliche sind leichte Lektüre, führen schnell in die Geschichte und halten nicht mit Nebensächlichkeiten auf», sagt Andrea Bertschi-Kaufmann, Professorin für Deutsch und Deutschdidaktik an der Fachhochschule Nordwestschweiz.

Wiederholungen machen die Lektüre leichter, Muster sorgen für Orientierungshilfen. So erfahren die «Fünf Freunde» in der beliebten Kinderbuchserie immer anfangs der Ferien von einem Verbrechen, das sie dann am Ende der Ferien gelöst haben.

«Buchserien festigen das Leseverhalten und fördern die Leselust», so Bertschi-Kaufmann. Entscheidend dabei sei tatsächlich die Menge des Gelesenen, nicht die Qualität.

Wie schon Scheherazade

Das Phänomen der Serie ist nicht neu. Eine der ältesten Serien ist «Tausendundeine Nacht»: Jeden Abend erzählt Scheherazade dem Sultan eine Geschichte, um dem Tod zu entgehen. Im Morgengrauen bricht sie ab. Der Sultan lässt sie leben, um die Fortsetzung zu erfahren. Er ist im Spannungsfeld der Serie gefangen.

Im 19. und frühen 20. Jahrhundert waren Fortsetzungsromane in Zeitschriften und Zeitungen sehr beliebt. Auch sie sind Serien, aus denen Klassiker der Weltliteratur hervorgegangen sind, wie zum Beispiel Charles Dickens «Grosse Erwartungen» oder Dostojewskis «Schuld und Sühne».

Transmediales Storytelling

Neu an heutigen Serien für Kinder und Jugendliche, aber auch für Erwachsene, ist hingegen das Umfeld, in dem sie platziert sind. «Bei Fernsehserien hat die Digitalisierung und das Online-Streaming dazu geführt, dass man kontinuierlich erzählen kann – ohne eine Woche auf die nächste Folge zu warten», sagt Ute Dettmar, Professorin für Kinder- und Jugendliteraturwissenschaft der Goethe-Universität in Frankfurt am Main. Mit der Folge, dass Serien heute komplexer seien, weil Wiederholungen wegfielen.

Winona Ryder Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Serien sind heute komplexer geworden – etwa «Stranger Things». Netflix

Die neuen Serien wie «Game of Thrones», «Sherlock» oder «Stranger Things» tragen dem sich verändernden Umfeld Rechnung. Entscheidend in der Weiterentwicklung von Serien als Format sei das transmediale Storytelling, bei dem in anderen Medien mit deren spezifischen Mitteln weitererzählt wird – in Blogs, Trailern und Videobotschaften.

Kinder spinnen Geschichten weiter

Oft schreiben Kinder- und Jugendliche im Internet ihre Lieblingsserie als Fan-Fiction weiter. Das beeinflusst wiederum die Serienmacher.

Serien werden Teil einer sich entgrenzenden Populärkultur. Eine Entwicklung, die längst noch nicht abgeschlossen ist. Denn auch hier gilt: Fortsetzung folgt.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kontext, 9.11.2017, 9.00 Uhr

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