«Iraqi Odyssey»: Überlebens-Geschichten aus einem Wundenland

Der Humor stirbt zuletzt: In seinem monumentalen Dokumentarfilm verwebt der Schweizer Regisseur Samir das Schicksal seiner Familie mit dem Drama seines Vaterlandes Irak. Eine Geschichtenstunde, die nicht mehr aufhören will. Zum Glück.

Filmstill: Der schweizerisch-irakische Regisseur Samir neben einem Mann mit Béret. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die Welt mag kalt sein, das Lächeln bleibt warm: Regisseur Samir (li.) mit seinem Cousin Jamal in Moskau. Dschoint Ventschr

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Sendehinweis

SRF zeigt die 90-minütige TV-Fassung von Samirs Dokumentarfilm «Iraqi Odyssey» in der Nacht vom Mittwoch auf den Donnerstag um 00:10 Uhr auf SRF 1.

«Es beginnt mit einem Traum», sagt Jamal, als der Film fast zu Ende ist. Sils-Maria, Hotel Waldhaus: Jamal, der Kahlkopf im Dokumentarfilm seines Cousins Samir, hat sich eben im Kreise der Verwandtschaft den Rohschnitt von «Iraqi Odyssey» angeschaut.

Wie soll der Irak eine Zukunft haben, wenn ihm die Mittelschicht fehlt, will Samirs Tante Samira von Jamal wissen. Er lebt in Moskau, sie ist aus Auckland angereist. Auch von ihrer Geschichte lebt «Iraqi Odyssey». Ein Land. Viele Fragen. Keine Antworten.

Von wem auch? Vier Millionen Iraker haben nach UNO-Schätzungen ihre Heimat verlassen. Auch Samirs Familie ist weg. Schon lange: Sie lebt seit den Wirren Ende der 1950er-Jahre in der Schweiz.

Der Trailer zu «Iraqi Odyssey»

1:55 min, vom 22.8.2016

Der grosse Grossvater

Moskau, London, Auckland, Buffalo: Samir muss um die halbe Welt fliegen, um sich mit den Verwandten zu treffen, die vor der Kamera reden wollen. Über ihre verlorene Heimat. Das Heimweh. Manche wollen nicht reden, andere können nicht mehr.

Tante, Onkel, Cousin, Halbschwester oder Samir selbst aus dem Off: Wer aber in «Iraqi Odyssey» einmal zu reden anfängt, hört so schnell nicht wieder auf.

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Eine Erfolgsgeschichte

«Iraqi Odyssey» feierte seine Weltpremiere am Filmfestival Toronto 2015 und Europapremiere an der Berlinale 2015. Der Dokfilm war an über 30 internationalen Festivals eingeladen; in Abu Dhabi 2014 gewann er den Best Asian Film Award. «Iraqi Odyssey» war der offizielle Schweizer Oscarbeitrag 2015/16.

Im Zentrum ihrer Erinnerungen: Samirs liberaler und wohlhabender Grossvater, der seinen Kinder fast alles erlaubte – ausser sich einen Turban anzuziehen oder die Militäruniform.

Seine Nachkommen erzählen von Folter und Flucht. Krise und Kriegen. Von Exil und Embargo. Von Untergrund und Übermut. Von der Vergangenheit, Gegenwart und der Zukunft eines Landes, das am Boden liegt.

Rot sehen

Samir selbst erinnert sich an ein Bagdad, in dem einst dieselben roten Busse fuhren wie im mondänen London: «Bach-daad» spricht sich Iraks Hauptstadt im Arabischen.

Es ist nicht zu überhören: Da steckt ein «Ach!» drin, dass die Stadt nie zu der weltoffenen Metropole wurde, die sie einmal zu werden sich anschickte.

Das Drama eines Landes, detailreich nacherzählt am exemplarischen Fall einer privilegierten Familie, die ihrer politischen Aktivitäten wegen in Schwierigkeiten gerät: Das ist ein strapaziöses, ein ambitiöses Unterfangen. Und das dauert – im Kino fast drei Stunden.

Schwarzweissbild: Elegant gekleidete Menschen unterhalten sich in karger Landschaft. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Ein Bild aus glücklicheren Jahren: Samirs Vater und seine Geschwister – noch im Irak. Dschoint Ventschr

«Kennen Sie Youtube?»

An seinem bisher persönlichsten Film habe er vielleicht sein Leben lang gearbeitet, sagt Samir am Rande der Berlinale 2015.

Allein die Archivarbeit: Samir hat Stunden und Tage in irakischen Ministerien gesessen. Er hat Tee getrunken. Und vergeblich gewartet. Da ist nichts, sagt ein Beamter dem enttäuschten Filmemacher. «Aber kennen Sie Youtube, Samir?»

Der Irak hat zuletzt nicht nur seine gut ausgebildete Mittelschicht verloren. Sondern auch seine Bildarchive. Ohne die grossartigen Fotos und Super 8-Filme aus Samirs Familienfundus wäre «Iraqi Odyssey» immer noch ein Jahrhundertfilm – buchstäblich. Aber nur halb so ansehnlich geworden.

Rauchzeichen

Bewegend: Wenn Samir das Familiengrab aufsucht und die Einschusslöcher an den Wänden abtastet. Berührend: Wie er mit einer Flasche Wasser die letzte Ruhestätte des Vaters reinigt.

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SRF-Koproduktion

Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) hat diesen Film koproduziert.

Beklemmend: Wenn der spätere Diktator Saddam Hussein Zigarre rauchend die Namen von Mitgliedern seiner Baath-Partei vorliest und sie vor die Tür weist. Gleich dahinter werden sie erschossen.

Das Private, das Politische: Samir schneidet fast drei Stunden lang im Minutentakt das Eine neben das Andere, ohne je das Eine über das Andere zu stellen. Immer im Vordergrund steht die bedachte Erinnerungsarbeit der Verwandtschaft.

Das Lachen der Verzweifelten

«Iraqi Odyssey» ist bei aller Wehmut über eine verlorenes Land auch eine Feier des Erzählens. Und trotz aller Tragik ein vielstimmiges Gelächter. Der schwarze Humor, den seine Familie auszeichne, lächelt Samir in Berlin, könne nur in der Diaspora entstehen.

Unsere irakische Odyssee, so wird Cousin Jamal ganz zum Schluss festhalten: Das ist ein Mosaik, das sich aus vielen kleinen Erzählbausteinen zusammensetzt.

Auch deshalb ist «Iraqi Odyssey» nach dem Abspann noch nicht zu Ende. Der Film geht im Internet weiter. Als interaktives Webprojekt.

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