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Die Berlinale mit drei Schweizer Filmen
Aus Gesichter & Geschichten vom 11.02.2022.
abspielen. Laufzeit 3 Minuten.
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«La ligne» an der Berlinale Zwischen Zerbrechlichkeit und Weissglut

Ursula Meiers «La ligne» überschreitet Linien und lässt sie verblassen. Ihr Film über eine fast zerbrochene Familie berührt – und hat Chancen auf einen Berlinale-Bären.

Die Berlinale ist ein besonderer Ort für die schweizerisch-französische Regisseurin Ursula Meier: Hier gewann sie mit dem Film «Sister» vor genau 10 Jahren einen Silbernen Bären. Vielleicht gibt’s dieses Jahr für «La ligne» einen Goldenen? Das Frauendrama ist auf jeden Fall einer der besten Filme im Wettbewerb bisher.

Ein Auftakt, der einfährt

Der Anfang geht unter die Haut. Oder direkt in den Magen, als Faust. In Zeitlupe fliegen Dinge durch die Luft, zerschellen an einer weissen Wand, Geschirr, Vasen mit Blumen, schliesslich Musiknoten. Dazu erklingt ein wunderschönes, klassisches Musikstück.

Fotografie Gesicht einer Frau, starke Kontraste. Helle Haut, dunkelrote Lippen, grüne Augen.
Legende: «La ligne» ist das dritte Drama von Regisseurin Ursula Meier. © Raphael Zubler

Dann – immer noch in Zeitlupe und mit Musik unterlegt – sieht man eine junge Frau, die ausrastet. Männer versuchen sie zurückzuhalten, eine andere Frau will sich vor den Angriffen schützen. Die Gesichter sind wutverzerrt, schreiend, ängstlich. Zu hören ist immer die schöne Musik – der Lärm des Kampfes wird nur teilweise eingeblendet.

Mehrere Minuten dauert diese verlangsamte Szene – bis die eine Frau mit dem Kopf auf einen Flügel knallt und die andere mit blutigem Gesicht aus dem Haus geworfen wird. Das fährt ein, das ist starkes Kino!

Wie eine Granate, deren Lunte immer brennt

Hier ist eine Tochter in unbezwingbarer Wut auf die Mutter losgegangen – nicht zum ersten Mal. Wir erfahren bald: Margaret hat ein Aggressionsproblem. Sie schlägt sich dauernd, am ganzen Körper sind Narben.

Frau sing in Mikrofon mit geschlossenen Haaren, kurze, braune Haare.
Legende: Stéphanie Blanchoud spielt die gewalttätige und verletzlicher Margaret © 2022 Bandita Films / Les films de pierre / les films du fleuve

Dabei sieht die 35-jährige Frau mit dunklen, kurzen Haaren und den grossen Augen zierlich aus. Aber mit der unbestimmten Wut, die immer zu spüren ist, ist Margaret wie eine Bombe, deren Lunte immer brennt.

Eine blaue Grenze zwischen Einfamilienhäusern

Nach dem Angriff auf die Mutter wird Margaret ein Kontaktverbot für drei Monate auferlegt. Sie darf ihre Mutter nicht kontaktieren und sich dem Haus auf maximal 100 Meter nähern. Eine blaue Linie markiert fortan diese Grenze und durchzieht die etwas langweilige Einfamilienhaussiedlung an einem Kanal im Walliser Chablais.

Foto einer Totalen: unten Schnee, hinten die Berge, davor trostlose Dörfer. eine Gestalt läuft im Schnee
Legende: Margaret ist ausserhalb der blauen Linie gefangen und beginnt dort, ihrer Schwester Musikunterricht zu geben. © 2022 Bandita Films / Les films de pierre / les films du fleuve

An dieser Linie taucht Margaret immer wieder auf, will Kontakt zur Familie herstellen – und musiziert auf einer Wiese in Sichtweite zum Haus regelmässig mit der kleinen Manon, die unbedingt vermitteln will zwischen Mutter und Margaret.

Aber diese Wunde ist kaum zu heilen, denn durch Margarets Angriff hat die Mutter einen Hörschaden erlitten und muss die Musik aufgeben – sie flüchtet sich in die Beziehung mit einem jüngeren Mann und verkauft ihren Konzertflügel. Das aber verschweigt Manon der älteren Schwester, damit diese nicht «zum Teufel» wird, wie Manon sagt.

Zwischen Zerbrechlichkeit und Weissglut

Margaret wird gespielt von der schweizerisch-belgischen Schauspielerin und Musikerin Stéphanie Blanchoud, die auch am Drehbuch mitschrieb. Sie schafft es unglaublich präzise, diese 35-jährige Frau zwischen Wut und Zerbrechlichkeit dazustellen. Wut auf ihre Mutter, die nie gern Mutter war und ihr, der ersten Tochter, die Schuld daran gibt, dass sie ihre Karriere als Konzertpianistin aufgeben musste.

Und Zerbrechlichkeit, weil sie sich genau nach dieser Mutterliebe sehnt, die sie nie hatte. Valeria Bruni-Tedeschi spielt diese exaltierte und unreife Mutter immer ein bisschen am Rande der Übertreibung. Aber genau so muss sie sein, diese Frau, die einen manchmal tatsächlich zur Weissglut treiben könnte.

Hinter Fensterscheibe schaut blonde Frau mit traurigem Blick aus dem Fenster
Legende: Die Mutter (Valeria Bruni-Tedeschi) will mit einer jungen Liebe die Leere nach ihrem Musikende füllen. © 2022 Bandita Films / Les films de pierre / les films du fleuve

Ursula Meier inszeniert die Geschichte der dysfunktionalen Familie mit einem grossen Gespür für Timing, für Interaktionen, und mit durchaus skurrilen und schrägen Regieeinfällen, die aber alle ihre Funktion und ihren Platz haben in diesem Film.

Im Lauf des Films verschwinden Linie und Narben langsam – aber ob auch die Narben im Familiengefüge verheilen und verschwinden, das lässt sich allenfalls erahnen.

SRF1, «Gesichter & Geschichten», 13.02.2022, 18:55 Uhr

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