Lampedusa ist Heimat für die einen, Zuflucht für die anderen

«Fuocoammare» heisst der neue Dokumentarfilm des italienischen Regisseurs Gianfranco Rosi: In schonungslosen Bildern erzählt er vom Flüchtlingselend auf der Insel Lampedusa. Dabei verknüpft er geschickt politischen Standpunkt und Kunst.

Eine Junge sitzt auf dem Deck eines Bootes, die Kapuze hochgezogen. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Für den Fischerssohn Samuele Pucillo ist Lampedusa Heimat . 21uno Film/Stemal Entertainement

Seit Gianfranco Rosi für seinen Dokumentarfilm «Sacro GRA» den goldenen Löwen von Venedig gewann, kennt man die sorgfältig inszenatorisch-beobachtende Methode des italienischen Regisseurs. Sein Film über die gigantische Ringstrasse um Rom setzte auf eine anthropologisch anmutende, stille Beobachtung von Menschen und ihren Umständen. Und auf suggestive Montagen.

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Gianfranco Rosi

Ein Mann mit Glatze und dicker, schwarzer Brille

ZVG

Der Regisseur, 1964 in Asmara, Eritrea geboren, wurde während des Unabhängigkeitskriegs 1977 ohne seine Familie nach Italien evakuiert. Danach lebte er in Rom und Istanbul. Ab 1984 studierte er an der New Yorker Tisch School of
the Arts. 2013 wurde seine Rom-Dokumentation «Sacro GRA» in Venedig mit
dem Goldenen Löwen ausgezeichnet.

Weder abschätzig noch abwehrend

«Fuocoammare» nutzt fast die gleiche Methode. Anderthalb Jahre hat Rosi auf der italienischen Insel Lampedusa gelebt und gefilmt. Ihn interessierte die Beziehung der Inselbewohner zu den Tausenden von Flüchtlingen, die über die Jahre immer zahlreicher versuchten, Lampedusa von Afrika aus zu erreichen. Rosi ergründete das Lebensgefühl der Insulaner, die sich – anders als das restliche Europa – kaum je abschätzig oder abwehrend verhalten. Er fragte sich, warum dem so ist.

Eine Antwort gab ihm der Inselarzt, einer der Protagonisten in seinem Film: Lampedusa sei bevölkert von Fischern, und Fischer würden immer alles akzeptieren, was vom Meer her komme – und vielleicht sei es genau das, was die Welt von Lampedusa lernen könne.

Leichenberge im Schiffsbauch

Dass solche Sätze im Film selbst nicht fallen, gehört zu dessen grossen Stärken. Der Arzt erzählt aber freimütig von seinen Einsätzen: Wie hart es sei, wenn im Bauch eines Schiffswracks Dutzende von Leichen liegen; wenn er chemische Brandwunden behandeln müsse, die entstehen, wenn Treibstoff sich mit Meerwasser mischt und die Flüchtlinge tagelang in dieser Brühe ausharren müssen.

Rosi begleitete das Rettungsschiff und den Helikopter zu Einsätzen, die schreckliche Szenen zu Tage förderten. Er hat alles selbst gefilmt, ohne Crew. Dabei kam er einem seiner Protagonisten besonders nahe: Der Schuljunge Samuele Pucillo steht für die Insel und ihre Unvoreingenommenheit.

Ein Mann mit Glatze und schwarzer Brille hält die Statue eines goldenen Bären in der Hand. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Schau mir in die Augen, Kleiner: Gianfranco Rosi erhält für «Fuocoammare» den Goldenen Bären. Keystone

Aus der Perspektive eines Kind

Samuele streift auf der Insel herum, übt mit der Steinschleuder und ahmt mit den Armen halbautomatische Schusswaffen nach. Mit einem Fischer geht Samuele aufs Boot, es könnte sein Onkel sein oder sein Vater, und muss sich übergeben.

Der Mann rät ihm beim Abendessen, sich hin und wieder auf den hölzernen Pier zu stellen und sich langsam an die Bewegungen des Meeres zu gewöhnen.

Wenige Bilder von Flüchtlingsschiffen

Die symbolischen Beziehungen ergeben sich ganz von selbst in diesem Film. Die Aufnahmen sind dokumentarisch. Sie ergeben sich aus dem Alltag der Protagonisten, wobei manche Szenen ganz klar inszeniert sind.

Die wenigen Bilder von Flüchtlingsschiffen, von Geretteten und von Toten, von einem Verprügelten, der offenbar die anderen Flüchtlinge gegen sich aufgebrachte, von einem Fussballspiel im Auffanglager – sie alle wirken um so stärker, weil sie im Film beiläufig eingestreut sind.

Trailer «Fuocoammare»

1:01 min, vom 21.2.2016

Ruhige Betrachtung

«Fuocoammare» ist nicht larmoyant, kein lauter Aufruf, keine Anklage, sondern einfach eine ruhige Betrachtung dessen, was ist. Allenfalls führen die symbolträchtigeren Momente in der Montage dazu, dass man als Zuschauer der Illusion verfällt, da nehme einfach die Natur und das Leben seinen Lauf.

Aber eigentlich ist gerade diese Ruhe eine der grossen Stärken dieses Films. Rosis Methode der Beobachtung, der sorgfältigen Nachinszenierung und der leisen, bezugsschaffenden Montage könnte fast überall und zu fast jedem Thema funktionieren. Und sie ist das pure Gegenteil all dessen, was uns im News-Alltag abstumpft, erschreckt und gefühllos macht.

Kinostart: 1. September 2016

Sendung zu diesem Artikel

  • SRF 1 24.08.2016 22:25

    Kulturplatz
    Wer darf bleiben? «Kulturplatz» zur Flüchtlingsdebatte

    24.08.2016 22:25

    65 Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht, suchen eine neue Heimat. Wer von ihnen etwa in Europa bleiben darf, das ist die grosse, kontroverse Frage. Sind es nur politisch Verfolgte, oder führen Armut und Klimawandel auch zu einem Bleiberecht? «Kulturplatz» sucht Antworten.