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Kinostart: «A Perfectly Normal Family»
Aus Kultur Extras vom 18.11.2020.
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Neu im Kino «A Perfectly Normal Family»: Papa ist jetzt eine Frau

Was geschieht mit einer Familie, wenn der Vater plötzlich transgender ist? Das dänische Drama von Regisseurin Malou Reymann geht dieser Frage nach – und erzählt dabei auch ihre eigene Geschichte.

«Wir werden uns scheiden lassen», sagt Mutter Helle (Neel Rønholt) zu ihren beiden Töchtern. «Weil euer Vater sich entschieden hat, eine Frau zu sein.» Thomas (Mikkel Boe Følsgaard) ist transgender und wird zu Agnete.

«A Perfectly Normal Family» beginnt mit dieser Verkündung am Küchentisch. Und begleitet die Familie über mehrere Monate hinweg.

Anfang der 2000er, als die Geschichte spielt, war das Thema Transgender noch viel weniger bekannt als heute.

Der Vater der Regisseurin heisst Helene

Vor allem die 11-jährige Emma (Kaya Toft Loholt) kann mit der Veränderung nicht umgehen. Sie identifizierte sich mehr mit ihrem fussballverrückten Vater als mit ihrer Mutter oder der 14-jährigen Schwester (Rigmor Ranthe).

Filmszene: Eine Frau sitzt auf einem Liegestuhl am Strand, ein Mädchen schaut sie von weiter hinten an.
Legende: Emma kann nicht akzeptieren, dass ihr Vater jetzt eine Frau ist. Xenix Film

Erzählt wird der Film aus Emmas Perspektive. Diesen Blick hat die dänische Regisseurin Malou Reymann nicht zufällig eingenommen. Ihr eigener Vater ist transgender. Heisst heute Helene. Als Malou Reymann elf Jahre alt war, begann ihr Vater die Geschlechtsanpassung.

Eine junge Frau steht neben einer älteren, sehr grossen Frau.
Legende: Regisseurin Malou Reymann (rechts) mit ihrem Vater Helene. Marie Hald

Die 31-jährige Regisseurin nennt Helene noch immer «Dad», benutzt heute aber das Pronomen «sie».

«Ich mache diesen Film nicht als Therapie», sagt Malou Reymann in einem Interview. «Die habe ich schon hinter mir. Ich wusste, dass es bei dieser Arbeit nicht um mich ging.»

Nahaufnahme eines blonden Mädchens.
Legende: Kaya Toft Loholt war während der Dreharbeiten erst zehn Jahre alt. Xenix Film

Sehr wichtig war ihr das Casting. Besonders begeistert ist sie von Kaya Toft Loholt, die Emma spielt. Bei den Dreharbeiten war sie erst zehn Jahre alt. Doch sie konnte sich sofort in die Rolle hineinfühlen. «Ihr Vater ist taub. Sie weiss, wie es ist, jemanden zu lieben, der anders ist», sagt die Regisseurin.

Vorwurf: Cis-Mann statt Trans-Frau

Mit einer Besetzung sind aber einige Filmkritiker und LGBTQ-Bloggerinnen unzufrieden: Reymann besetzte die Rolle der Trans-Frau Agnete mit einem Cis-Mann. Also einem Mann, dessen Geschlechtsidentität dem Geschlecht entspricht, das ihm bei der Geburt zugewiesen wurde.

Die Kritischen finden, dass eine Trans-Frau auch von einer Trans-Schauspielerin verkörpert werden soll. Sie habe jedoch gar nie nach einer Trans-Schauspielerin gesucht, sagt Regisseurin Reymann.

Filmszene: Auf der Tanzfläche küsst eine Frau ein Mädchen auf die Stirn.
Legende: Agnete möchte auch als Frau ein guter Vater sein. Xenix Film

Das Zurechtfinden in einem neuen Körper sei bei der Rolle sehr wichtig. «Jemanden zu finden, der die Anpassung gerade durchmacht, wäre unglaublich schwierig gewesen. Ganz zu schweigen davon, dass es kaum möglich wäre, gleichzeitig vor der Kamera zu stehen.»

Und eine Frau, die die Anpassung hinter sich hat, wäre bereits im neuen Körper angekommen. «Schauspieler Mikkel Boe Følsgaard hat das alles zum ersten Mal durchlebt. Wie seine Figur Agnete.»

Die Besetzung habe sie mit ihrem Vater besprochen. «Sie unterstützte die Entscheidung. Also beschloss ich, dass es okay ist.»

Kein Selbstporträt, aber trotzdem die eigene Geschichte

Malou Reymann liess sich zwar von ihrer eigenen Geschichte inspirieren. Sie wollte im Film jedoch nicht sich selbst und ihren Vater porträtieren.

So erzählte sie den Schauspielerinnen kaum von ihren eigenen Gefühlen während ihrer Jugend. Mikkel Boe Følsgaard, der Thomas/Agnete spielt, traf Vater Helene nie.

Trotzdem spürt man die Liebe, die Malou Reymann zu all ihren Figuren hat. Obwohl Emma im Zentrum steht, zeigt die Regisseurin auch den Schmerz, die inneren Kämpfe und die Verwirrung aller anderen Familienmitglieder. Alle machen Fehler. Und alle geben ihr Bestes, um mit der neuen Situation umzugehen.

Kinostart: 19.11.2020

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4 Kommentare

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  • Kommentar von Achim Frill  (Africola)
    Was Eltern der Seele ihrer Kinder mit so einem "Umbau" antun, ist kaum in Worte zu fassen. Für mich hat das ganze sehr viel mit egoistischer Selbstverwirklichung zu tun, ein Zeichen, das perfekt in unsere Ich-Zeit passt. Aber als Mensch in der "aufgeklärten Gesellschaft des 21. Jh" muss ich das natürlich gut finden, und solche Filme wollen ja breitflächig für Verständnis werben.
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    1. Antwort von Yanik Wermuth  (Yanik Wermuth)
      Wenn ein Kind seine Mutter und seinen Vater liebt, wird es diese Entscheidung auch akzeptieren können. Zudem haben Sie kein Recht über einen Mensch zu urteilen, wenn er nicht Ihrem Sinnbild entspricht. Sie sind nicht, er/sie oder es und haben keine Ahnung, wie es ist, nicht das zu sein, mit dem sich der Mensch selber identifiziert.
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    2. Antwort von Avi Girschweiler  (Avi Girschweiler)
      Das Leid, das diese Menschen erfahren, wenn sie sich in ihrem Körper und mit der Rolle, die ihnen die Gesellschaft zuschreibt, nicht wohl fühlen, ist auch kaum in Worte zu fassen. Der Film macht das genau richtig: er beleuchtet den berechtigten Wunsch einer Person, endlich sie selbst sein zu können und verschweigt dabei nicht, dass ein solcher Prozess für alle Beteiligten schwierig und schmerzhaft sein kann.
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    3. Antwort von Benito Boari  (Antoine)
      Africola: das ist Kindern egal. Sie wollen geliebt sein und fertig. Mit ihrem beharren auf „wie‘s immer war“ sind Sie genau so egoistisch.
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