Ein Kultregisseur, dem die Ideen fehlen. Das ist die Hauptfigur, Raúl, in Pedro Almodóvars neuem Film «Amarga Navidad». Raúl steht vermeintlich für Almodóvar selbst. Auch ins Alter gekommen, schwul, erfolgreich. Schon hier wird klar, dass Autofiktion eine wichtige Rolle spielt in diesem Film.
Seiner Lektorin – und guten Freundin – Mónica widerfährt etwas Tragisches. Und er lässt sich davon für ein neues Drehbuch inspirieren.
In dieser Geschichte spielt Elsa die Hauptrolle. Auch eine Drehbuchautorin. Raúls weibliches Alter Ego, die in den Nullerjahren auch um Inspiration kämpft.
Sie wechselt – des Geldes wegen – in die Werbung, verlor vor einem Jahr ihre Mutter und leidet an Panikattacken. Zwischen der Geschichte von Raúl und der von Elsa springt der Film hin und her.
Netflix, der letzte Ausweg?
Raúl wird nach Katar eingeladen, obwohl er seit Jahren keinen neuen Film rausbrachte. Assistentin Mónica gibt ihm zu verstehen, seine beste Zeit sei vorüber. «Der Ruhm eines Regisseurs währt nicht lange», weiss auch er. Wieso nicht seinen neuen Film an Netflix verkaufen, schikaniert Mónica. Hochkultureller Seitenhieb gegen den Streaminganbieter.
Mónica findet solch harte Worte, weil sie sich von Raúl verraten fühlt. Der Drehbuchautor sauge sie aus wie ein «Vampir». Somit ist eine der wichtigen Fragen des Films lanciert: Wie schonungslos darf sich ein Regisseur am Leben realer Menschen als Vorlage für seine eigene Kunst bedienen?
Bloss keine Biografie!
Schon vor einigen Jahren zeigte der 76-jährige Pedro Almodóvar, dass er sich mit einem neuen Kapitel seiner Karriere auseinandersetzte – einem möglichen Ende? Er tat Sachen, die er zuvor nie tat. Etwa einen englischsprachigen Film drehen («The Room Next Door»). Und er veröffentlichte eine Art Memoiren – oder wie er es nennt: «fragmentarische Autobiografie».
Was er aber in einem Interview mit der «Süddeutschen Zeitung» beteuert: Über ihn werde es nie einen Dokumentarfilm geben. Auch nicht nach seinem Tod.
Erneuter Anlauf in Cannes
Nun stellte Almodóvar seinen Neuling am Filmfestival in Cannes vor – und hofft erneut auf den Hauptpreis, die Goldene Palme. Jetzt zum siebten Mal nominiert, abgeräumt hat er sie noch nie.
Minutenlange Standing Ovations. Auch in Cannes ist seine Wehmut spürbar: «Ich werde es vermissen, wenn ich in Zukunft nicht mehr nach Cannes kommen kann», so der spanische Star.
Mit seinen 24 Spielfilmen ist Almodóvar zur eigenen Marke geworden. Das Label «Kultregisseur» hat er inne. Steilvorlage für Selbstironie im neuen Film.
So fragt eine Ärztin, die die Regisseurin Elsa von einem früheren Dreh kennt, was es denn heisse, dass sie «Kultfilme» drehe. Das seien Filme, die nur ganz wenige Leute sehen. Und diese wenigen überzeugten die grosse Menge, das sei nun Kult.
Kommen Fans auf ihre Kosten?
Per Definition hat ein Kultregisseur auch eine treue Gefolgschaft. Werden sie bedient? Ja, «Amarga Navidad» beinhaltet almodóvareske Berufskombinationen wie Feuerwehrmann/Stripper. Ebenso dramatische Farben. Und starke Frauenfiguren.
Die verschachtelten Geschichten sind reizvoll. Auch der vermeintliche Einblick in die Gedankenwelt eines alternden Regisseurs. Dennoch ist die fast zweistündige Selbstbespiegelung manchmal etwas ermüdend. Auch wenn die Kinobesucher mit imposanten Vulkanbildern aus Lanzarote belohnt werden.
Kinostart ist am 21.05.2026.