Über dreieinhalb Stunden dauerte das Telefongespräch zwischen der fünfjährigen Hind Rajab und der Notrufzentrale des Roten Halbmonds am 29. Januar 2024. Im Norden von Gaza harrt sie nach Beschuss durch die israelische Armee als einzige Überlebende in einem Auto zwischen den Leichen ihrer Familienmitglieder aus. Mitarbeitende der Notrufzentrale versuchen sie zu beruhigen, während im Hintergrund ein Rettungswagen organisiert wird.
Die Originalaufnahmen dieses Telefonats nutzte die tunesische Regisseurin Kaouther Ben Hania als Grundlage für ihren Film. In einer Mischung aus Dokumentar- und Spielfilm verarbeitet sie das Schicksal des Mädchens, das im Januar 2024 von der israelischen Armee getötet wurde.
Originalaufnahmen als Grundlage für das Drehbuch
Im Film wird die echte Stimme von Hind Rajab mit fiktionalen Szenen in der nachgebauten Notrufzentrale verwoben. Ein Ensemble aus Schauspielerinnen und Schauspielern reagiert in kammerspielartig inszenierten Szenen auf die Aufnahme.
Durch Recherchen der Washington Post konnten die realen Ereignisse des 29. Januars bereits im April 2024 rekonstruiert werden. In einem Bericht der UN-Untersuchungskommission vom September 2025 wurde der Tod von Hind Rajab als beispielhaft dafür genannt, wie Zivilisten in Gaza vorsätzlich durch die israelische Armee getötet würden.
Zeitgleich zur Veröffentlichung des UN-Berichts feierte «Die Stimme von Hind Rajab» Premiere bei den Filmfestspielen von Venedig und gewann dort vergangenen September den Grossen Preis der Jury.
Tonaufnahme als eindringliches Zeugnis
In den fiktionalisierten Szenen wird eine weitere Ebene erzählt: Die kaum zu bewältigende Verantwortung der Mitarbeitenden, die Notrufe entgegennehmen müssen, aber selbst kaum helfen können. Denn Rettungseinsätze müssen mit der israelischen Armee koordiniert und erst durch diese freigegeben werden.
Die Regisseurin hat sich für eine Inszenierung mit vielen Nahaufnahmen und schnellen Schnitten entschieden, die stellenweise fast melodramatisch wirkt. Darin wird den emotionalen Konflikten zwischen den Mitarbeitenden viel Raum gegeben. Der Einsatz der Sanitäter muss durch die israelische Armee erst freigegeben werden, obwohl diese Hind Rajab in wenigen Minuten erreichen könnten.
Angesichts der Gedenktafel mit den Fotos der im Einsatz getöteten Kollegen steht Mahdi (Amer Hlehel), der die Freigabe koordinieren muss, vor einem Dilemma. Omar (Motaz Malhees), der den telefonischen Kontakt zu Hind aufrecht erhält, drängt Mahdi dazu, den Rettungswagen ohne Freigabe zu schicken.
Hilfskräfte im Dilemma
Inwiefern diese Konflikte zugespitzt sind, lässt sich nicht genau sagen. Wovon sie aber erzählen, sind die realen, täglichen Dilemmata der Sanitäter, die helfen wollen, aber oft nicht können oder dabei sogar ihr eigenes Leben riskieren.
Spätestens mit Dokumentaraufnahmen der beschossenen Fahrzeuge und menschlichen Überresten endet der Film wieder in der ganz realen Tragödie.
So schnell die Geschichten von einzelnen Schicksalen in der Berichterstattung wieder hinter dem abstrakten politischen Geschehen verschwinden, so wichtig ist es sich dieser zu erinnern. Zum Kinostart ist der Tod von Hind Rajab kaum zwei Jahre her.
Kinostart: 22. Januar