Der Film beginnt leise. Im Schauspielhaus Zürich proben Schauspieler einen Text, der wie aus der Zeit gefallen scheint. «Jetzt ist es an euch, euren Jud anzuerkennen.» Es geht nicht nur um das Stück und die Botschaft, sondern um den Mann, der diese Sätze möglich gemacht hat: Kurt Hirschfeld. Und um die irritierende Tatsache, dass seinen Namen kaum jemand kennt.
Denn Hirschfeld war einer der prägenden Köpfe des Zürcher Schauspielhauses. Jener Bühne, die während der NS-Zeit zum Zufluchtsort für verfolgte Künstler wurde und Theater als Widerstand verstand. Draussen wurde gerade dunkle Geschichte geschrieben, drinnen dagegen angespielt. Ohne Hirschfeld wäre das nicht so gewesen. Nur kannte man lange eher den Mythos des Hauses als den Mann dahinter.
Das Ehepaar und Regie-Duo Stina Werenfels und Filmemacher Samir richten die Scheinwerfer auf den «Unbekannten Bekannten» – so der Titel des neuen Kinofilms. Und dieser wirkt, als würde hier ein altes Versäumnis nachträglich korrigiert.
Als könnte die Geschichte entgleiten
In der nächsten Szene öffnet Hirschfelds Tochter eine Kiste: Karten, Fotos, eine Waffenpatrone. Vielleicht für den Notfall. Erinnerungen setzen sich zusammen, vorsichtig, tastend. Weggefährten sprechen über ihn. So entsteht eine Figur, ein Mann, der Theatergeschichte schrieb, über Dinge, Zitate, Stimmen. Das ist rührend und bitter zugleich.
Nebenbei erfährt man, dass sich in der Schweiz lange kaum jemand für ihn interessierte: sein Nachlass landet in New York. Eine kleine Pointe über das nationale Gedächtnis: Es feiert Institutionen – und vergisst, wer sie möglich gemacht hat.
Werenfels und Samir erzählen das klassisch: Archivbilder, Interviews, Dokumente. Sehr kontrolliert, fast vorsichtig. Als könnte die Geschichte entgleiten, wenn man sie zu frei erzählen würde. Dabei ist sie längst ausser Kontrolle: Exil, Antisemitismus, Verfolgung – und ein Theater, das gegen die Zeit spielt, während draussen die Welt zerfällt.
Dazu passt auch die Konstellation für Hirschfeld in der Schweiz: Man braucht ihn, einen deutschen Juden, aber man traut ihm nicht. Man nutzt seine Energie und nennt sie «Überfremdung». Man lässt ihn arbeiten und bittet ihn, politisch still zu sein. Hirschfeld bewegt sich wie jemand, der weiss, dass er bleiben darf, solange er nicht zu laut wird. Und ist es doch.
Wichtig – nur nicht sichtbar
Doch während das Material brennt, bleibt die Form des Films kühl. Das ist Haltung und Begrenzung zugleich. Man versteht viel, wird selten überrascht. Und doch kippt es immer wieder: Wenn die Tochter erzählt, wie sie sich vom Vater verabschieden musste; wenn aus Dürrenmatt «de Dürri» wird; wenn aus Geschichte plötzlich ein Mensch wird, der einfach arbeiten wollte, der sein wollte. Dann bekommt dieser Film etwas Leichtes, beinahe Zärtliches.
«Hirschfeld – Unbekannter Bekannter» ist kein wagemutiger Dokfilm, er will einen nicht umhauen. Er will, dass man sich an jemanden erinnert, den man offenbar ziemlich gründlich übersehen hat. So leistet er am Ende weniger eine Entdeckung als eine Korrektur. Und zeigt, wie ein Mann zentral sein kann, ohne sichtbar zu werden.
Die fast zu vorsichtige Zurückhaltung des Films zwingt einen, die Leerstelle selbst zu sehen. Und sie lässt sich danach nicht mehr so leicht übersehen.
Kinostart: 26. März