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«Loving Highsmith» eröffnet die Solothurner Filmtage
Aus Kultur Webvideos vom 19.01.2022.
abspielen. Laufzeit 3 Minuten 16 Sekunden.
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Neu im Kino «Loving Highsmith»: Gesichter einer Geheimnisvollen

Persönlich und poetisch: Eva Vitijas Dokumentarfilm über die grosse US-amerikanische Krimiautorin Patricia Highsmith.

Patricia Highsmith hat mit ihren Ripley-Romanen Weltbestseller geschrieben. Und mit «Carol» den ersten lesbischen Kultroman – unter Pseudonym. Highsmith war Partykönigin und Einsiedlerin, Katzenlady, und Tagebuchschreiberin. Jetzt ist sie das Zentrum des Schweizer Dokumentarfilms «Loving Highsmith», der ganz unverhohlen als Liebeserklärung auftritt.

Audio
Michael Sennhauser über die Eröffnung der Solothurner Filmtage
aus Kultur-Aktualität vom 20.01.2022. Bild: KEYSTONE/Peter Schneider
abspielen. Laufzeit 3 Minuten 30 Sekunden.

Wenn Patricia Highsmith darin mit Passagen aus ihren Tagebüchern zu hören ist, fühle ich mich sicher und entrückt zugleich. Das liegt an der Stimme von Gwendoline Christie, die in «Game of Thrones» die loyale, kampfkräftige Brienne of Tarth gespielt hat.

Frau mit langen Haaren und weissem Hemd auf einer Schwarz-weiss-Aufnahme.
Legende: Partykönigin, Einsiedlerin, Tagebuchschreiberin: Patricia Highsmith. Filmcoopi/©Rolf Tietgens/Courtesy of Keith de Lellis

Eva Vitija hat die britische Schauspielerin als Sprecherin für die schriftlichen Highsmith-Erinnerungen gewonnen, ein Beispiel für die liebevoll und sorgfältig gesetzten Details in dieser Produktion.

Die Filmemacherin spricht kontrastierend dazu selbst, erzählt von ihren Entdeckungen beim Studium der Notizbücher und Tagebucheinträge, erklärt, wie sie sich in das dabei entstehende Bild dieser vor einem Vierteljahrhundert verstorbenen Autorin verliebt hat.

Elegante Verknüpfungen

Wie elegant Eva Vitija Interviews mit Frauen aus dem Leben von Patricia Highsmith mit ihren Notizen verknüpft, überlagert, ergänzt, oder Szenen aus bekannten Highsmith-Verfilmungen direkt aus ihren Texten schlüpfen lässt, zeigt etwa ein Ausschnitt aus Hitchcocks «Strangers on a Train». Jener Verfilmung von 1951, welche die Autorin Highsmith fast über Nacht weltberühmt machte.

Da orientiert sich der Eindringling mit der Taschenlampe auf dem Wohnungsplan, den ihm sein Auftragsgeber gezeichnet hat. Und plötzlich taucht im Lichtkegel das Bild von Patricia Highsmith auf.

Oder Filmemacherin Eva Vitija erzählt davon, was sie in den Notizen von Highsmith gefunden hat, wie die Autorin immer mehr Details auf die Seite gekritzelt hat; die Schriftzüge füllen nach und nach die Leinwand vom geordneten Anfangsbild bis zum übervollen Plot-Diagramm.

Porträt einer Frau mit langen blonden Haaren.
Legende: Filmemacherin Eva Vitija. zvg/Martin Guggisberg

Interviews mit Weggefährtinnen

Das Herzstück von «Loving Highsmith» aber bilden die Interviews mit Frauen, die wichtig waren in Highsmiths Leben, die ihre Leidenschaft geteilt haben, das Verstecken, die Nöte, die Lebenslust.

Etwa die heute 95-jährige Autorin Marijane Meaker, welche die lesbische Pulp-Fiction miterfunden hat und mit Highsmith zu Beginn der 1950er-Jahre in New Hope, Pennsylvania, Haus, Tisch und Bett geteilt hat. Oder die Französin Monique Buffet, dank der Highsmith ihre aus Liebeskummer erwachsene Schreibblockade überwand. Oder auch der 2020 verstorbene deutsche Paradiesvogel Tabea Blumenschein.

Video
Patricia Highsmith - der private Nachlass der Krimiautorin in Bern
Aus Kulturplatz vom 08.03.2006.
abspielen. Laufzeit 5 Minuten 42 Sekunden.

Freude am Schönen und Verlorenen

Die Erinnerungen dieser geliebten und liebenden Frauen verbinden sich mit den Notizen, den Romanfiguren, früheren Highsmith-Interviews und den grossen Verfilmungen in Eva Vitijas detailverliebten Dokumentarfilm zu einem blühenden Bild mit dunklen Einschlüssen und schmerzlichen Druckstellen.

Koproduktion

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SRF hat diesen Dokumentarfilm koproduziert.

Wirklich mitreissend und begeisternd ist dabei Eva Vitijas Freude am Schönen, Leidenschaftlichen und auch am Verlorenen ihrer Protagonistin. Sie beschönigt nichts, wischt nichts vom Tableau.

Eine ältere Frau sitzt an einem Schreibtisch unter einer Lampe.
Legende: Der Film ist eine Liebeserklärung an Patricia Highsmith, die Schmerz, Angst und Verletzung nicht ausspart. Filmcoopi/Keystone/Magnum Photos/René Burri

Selbst die vom Verlag grosszügig zensierten rassistischen und antisemitischen Bemerkungen, welche Patricia Highsmith mit zunehmendem Alter wie magische Bann-Flüche in ihre Notizen gekritzelt hat, finden Erwähnung, mit dem kommentierenden Satz der Filmemacherin, diese Schimpftiraden der alternden Autorin wirkten wie eine Rückkehr zum Südstaaten-Rassismus ihrer texanischen Grossmutter.

«Loving Highsmith» ist ein auf jeder Ebene ambitioniert und einfallsreich gestalteter Dokumentarfilm auf internationalem Niveau – und gerade darum eine überzeugende Liebeserklärung, weil er Schmerz, Angst und Verletzung nicht ausspart.

Kinostart: 10.3.2022

Radio SRF 2 Kultur, Kultur Aktualität, 20.1.2022, 8:15 Uhr

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