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Neu im Kino «Mother» zeigt Mutter Teresa selbstbewusst – und grausam

Stylisch, modern und provokativ: «Mother» zeichnet das Psychogramm einer zerrissenen Mutter Teresa – und offenbart die Komplexität und Kühnheit einer Persönlichkeit, die sonst gern auf ein Klischee reduziert wird.

Eine junge Nonne streift durch die Strassen von Kalkutta. Sie verteilt Brot an Arme, kümmert sich um Leprakranke und um Waisenkinder. In den ersten paar Minuten von «Mother» wird Mutter Teresa so gezeigt, wie wir sie von Fotos und Heiligenbildchen kennen: als Ebenbild von Fürsorge, Frömmigkeit und Nächstenliebe.

Nonnen sitzen um einen Tisch in einem Speisesaal.
Legende: Diese Mutter kann auch anders: Teona Trugar Mitevskas «Mother» zeigt eine Mutter Teresa (Noomi Rapace, Mitte) jenseits des allbekannten, klischierten Bildes. trigon-film

Doch kaum ist sie in ihrem Kloster, zeigt sich eine andere Seite. Mit grosser Strenge herrscht Teresa über ihre Mitschwestern. Sie verbietet zum Beispiel eine Rechenmaschine. Harte Arbeit tut schliesslich gut. Sie nennt ihre Kolleginnen auch nicht beim Namen, sondern adressiert sie mit einer Nummer.

Ehrgeizig, selbstbewusst, grausam

«Mother» zeigt Teresa nicht nur als strenge, sondern auch als ehrgeizige Frau, die sich in der männerdominierten Kirche behauptet. Sie will ihre eigene Ordensgemeinschaft gründen und wartet dafür auf die Bestätigung des Vatikans. Aufregend hier: die subtil sexuelle Spannung, die zwischen ihr und ihrem Beichtvater suggeriert wird.

Nonne hält ein Marienbild in der Nähe ihres Gesichts.
Legende: Schwester Agnieszka (Sylvia Hoeks) ist enge Vertraute von Mutter Teresa und eingeplant für ihre Nachfolge im Kloster – bis ein in Gottes Augen unverzeihlicher Fehler alles durcheinander bringt. trigon-film

Falls es mit der Ordensgemeinschaft klappt, braucht sie eine Nachfolgerin für ihre Position im Kloster. Ihre Wahl fällt auf ihre Verbündete Agnieszka. Doch ausgerechnet die beichtet ihr, dass sie schwanger ist. Für Teresa ein persönlicher Verrat.

Noomi Rapace: grossartig widersprüchlich

Hier schlägt Teresas Strenge in Grausamkeit um. Nicht nur ist sie strikt gegen eine Abtreibung, auch sperrt sie Agnieszka irgendwann in ihrem Zimmer ein, um die Schwangerschaft geheim zu halten.

Nahaufnahme einer Nonne im Freien.
Legende: Noomi Rapace brilliert als wankende Mutter Teresa: zwischen spiritueller Loyalität, menschlicher Zuneigung und eigenen Sehnsüchten. trigon-film

Eine Frau, die Nächstenliebe predigt und gleichzeitig zu solchen Mitteln greift: ein Widerspruch. Die innere Zerrissenheit, die dabei entsteht, wird von der schwedischen Schauspielerin Noomi Rapace grossartig getragen.

Blutige Binden und Rock-Soundtrack

Eingefangen wird das Ganze von einer stilisierten Bildsprache. Teresas Gesicht, umramt von ihrer Nonnenkutte, sowie die Bilder des Klosters sind oft symmetrisch komponiert.

Dabei zeigt «Mother» auch Motive, die man von einem Klosterfilm kaum erwartet: ein Eimer voller blutigen Binden etwa. Dazu ein rockiger Soundtrack, der ebenfalls vermittelt: Das hier ist ein moderner, ungewöhnlicher Blick auf die Geschichte dieser Frau. So hallt irgendwann der Song «Hard Rock Hallelujah» der finnischen Band Lordi durch die Klostergänge.

Provokativ – aber was noch?

Das alles ist faszinierend und provokativ. Doch leider auch nur das. An Mutter Teresa wurde zeitlebens viel Kritik geübt: die schlechten hygienischen Zustände in den Einrichtungen in Kalkutta, Teresas Verklärung von Armut, ihre intransparente Verwendung von Spendengeldern, dass für sie Missionierung vor der humanitären Hilfe stand. Um diese Kritik geht es hier nicht. «Mother» ist vor allem ein Psychogramm.

Die mazedonische Filmemacherin Teona Trugar Mitevska entzieht sich hier einer klaren Position gegenüber ihrer Figur. Was die Botschaft des Films angeht bleibt «Mother» also wie seine Protagonistin: ambivalent.

«Mother» startet am 29. Januar in der Deutschschweiz.

Radio SRF 2 Kultur, Kultur-Aktualität, 28.1.2026, 17:10 Uhr

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