Die Filmidee zu «Rose» fusst auf einem realen Gerichtsfall aus dem Jahr 1721, als in der protestantischen deutschen Stadt Halberstadt eine Frau verurteilt und hingerichtet wurde, weil sie sich als Mann ausgab. Der österreichische Filmemacher Markus Schleinzer schreibt, er sei bei seinen Recherchen danach auf viele ähnliche Geschichten gestossen. «Rose» sei demnach keine Einzelbiografie, sondern ein Konglomerat aus diesen Schicksalen.
Ein Stückchen Stoff garantierte Freiheit
Warum Rose im Film als Mann lebt, erfahren wir nie so ganz genau. Vieles schwingt in der Figur mit: der Wunsch nach mehr Freiheit und Selbstbestimmung, nach eigenem Besitz. Aber auch das Bedürfnis, sich in einer vom Krieg verrohten Welt vor männlichen Übergriffen zu schützen. Rose selbst erklärt im Film am Ende, sie habe nie ein Mann sein wollen, aber: «In der Hose war mehr Freiheit. Und es ist ja nur ein Stückchen Stoff.»
Eine vom Krieg erschütterte Gesellschaft
Schleinzer setzt seine Geschichte kurz nach dem Dreissigjährigen Krieg an. Das Land ist verwüstet, der jahrzehntelange Krieg hat die Leute verunsichert, Gewissheiten erschüttert. Auch die Menschen im Dorf, in dem Rose eines Tages auftaucht, schwanken zwischen Misstrauen und dem Wunsch, ihrer Gemeinschaft wieder mehr Leben einzuhauchen.
Rose hat gültige Erbschaftsdokumente für einen kleinen Hof, der lange leerstand. Schon bald möchte sie ihr Gut vergrössern. Verkaufen will der benachbarte Bauer aber das Stück Land nicht – er bietet ihr aber mit dem Land eine seiner Töchter zur Heirat an.
Diese weiss nicht, dass sie statt eines Mannes eine Frau bekommt. Aber das Risiko, dass ihr Geheimnis ans Licht kommt, ist für Rose, die sich vorher immer im Geheimen waschen und bekleiden konnte, nun erheblich grösser geworden.
Die Geschichte der burschikosen Rose, deren männlichen Namen wir übrigens nie erfahren, wird zwangsläufig auf ihre Entdeckung hinauslaufen, das wird von Anfang an klargemacht. Zunächst aber scheint Rose alles zu gelingen, sie kann die Männer der Gemeinde für sich gewinnen, schafft es sogar, ihre Frau selbst bei den ehelichen Pflichten zu täuschen – wie, das erfahren wir sehr viel später im Film.
Sandra Hüllers grosse Schauspielkunst
«Rose» ist bedächtig und ruhig erzählt. Das Schwarzweiss und eine sorgfältige Ausstattung unterstreichen die historische Einbettung. Trotzdem verweist der Film immer wieder in die Gegenwart: mit seinen Fragen um Genderidentität, um das Ringen um Selbstbestimmung des eigenen Lebens. Und auch wenn die Figuren miteinander sprechen, wirkt das sehr unmittelbar zeitgenössisch. Und die Distanz zwischen dem historischen Setting und einem heutigen Publikum schmilzt.
Sandra Hüller spielt diese Rose mit dem verunstalteten Gesicht burschikos, als selbstbestimmte Person, die wegen ihres Geheimnisses aber auch immer etwas Zweifel und Verletzlichkeit ausstrahlt. Sie schafft es, dass wir in ihrer Rose immer zugleich die Frau und den Mann sehen. Das ist grosse Schauspielkunst und es ist ein Genuss, ihr dabei zuzuschauen. Hüllers «Rose» ist eine dieser Filmfiguren, die einen lang über das Filmende hinaus begleiten.
Filmstart: 7. Mai