Zum Inhalt springen

Header

Zur Übersicht von Play SRF Audio-Übersicht

Neu im Kino Siri Hustvedt: Liebe, Verlust und die Macht der Literatur

Der Dokumentarfilm «Dance Around the Self» von Sabine Lidl zeigt die vielen Facetten der bekannten Autorin Siri Hustvedt. Er zeigt auch die Ehefrau, die zur trauernden Witwe wird.

Es ist nur ein Geräusch. Das Klackern seiner Schreibmaschine, seit seinem Tod verstummt. Sie vermisse es, erzählt Siri Hustvedt im Film. Der Sound gehörte zu ihrem Leben. Zum Autorenpaar Siri Hustvedt und Paul Auster, einem Vorzeigepaar. Ihre Liebe ist auch im Film fast zu schön, um wahr zu sein. Aber auch so wahnsinnig wohltuend.

Die Liebe, aber auch das Leid sind zentral im Dokumentarfilm «Dance Around the Self» der deutschen Regisseurin Sabine Lidl, die die Lebensgeschichte Siri Hustvedts erzählt.

Da ist das nette Mädchen aus Minnesota mit norwegischen Wurzeln, das langsam ihre Nettigkeit loswird. Die junge Frau, die mittellos nach New York kommt, um später eine erfolgreiche Autorin zu werden. Die den Poeten Paul Auster trifft, ihren Partner, mit dem sie 43 Jahre verbringen wird. Die Mutter wird, Grossmutter. Und Witwe.

Der an Lungenkrebs erkrankte Paul Auster, zu Beginn noch präsent, verschwindet plötzlich im Film. Auch wenn die Zuschauerin sein Ende kennt, ist das ein herber Einschnitt. «Ich habe meinen Lebensmenschen verloren», sagt Hustvedt. Das Schreiben über ihn, über sie beide: bald ihre Art und Weise, ihn am Leben zu halten.

Paul Auster und Siri Hustvedt schauen ein Fotobuch an.
Legende: Literatur und Spass! Das war wichtig im Leben von Paul Auster und Siri Hustvedt. DV Film

Die Wut einer Frau

Wie lebensnotwendig die Literatur für Hustvedt ist: eigentlich erwartbar bei einer Autorin. Wenn aber Siri Hustvedt im Film immer wieder aus ihren Texten vorliest, spürt man die besondere Kraft, die ihre Worte bergen. Literatur ist für sie Freiheit, ein Ventil. «Ich bin keine wutschnaubende Furie», sagt sie sanft. «Aber eine Figur zu schreiben, die wütend ist, macht Spass.»

Vier Fragen an Regisseurin Sabine Lidl

Box aufklappen Box zuklappen

SRF: Sie haben schon einen Film über Paul Auster gedreht. Der Film «Dance around the Self» ist nun ein intimes Porträt von Siri Hustvedt. Während vier Jahren haben Sie sie immer wieder in Brooklyn besucht. Ein Einschnitt: Paul Austers Erkrankung. Hatten Sie als Filmerin das Gefühl, zu stören? 

Sabine Lidl: Man fühlt sich störend und man ist ein Eindringling. Auch nach Pauls Tod. Das erste Mal wieder in diesem Haus zu sein: Das hat uns sehr belastet. Und natürlich wollte ich Siri Hustvedt schützen, gleichzeitig aber brauchte ich was von ihr. Sie ist aber so professionell, dass sie auch weiss, was sie tut. Natürlich war das ein grosser Schritt, uns überhaupt in ihr Haus zu lassen, aber ich glaube, letztendlich haben wir uns gegenseitig befruchtet. 

Der Film trägt den Titel «Dance Around the Self». Ein Tanz – inwiefern? 

Das ist ein Tanz um das Selbst, um das literarische Selbst aus verschiedenen Perspektiven. Das ist das, was Siri Hustvedt in ihren Büchern so toll gelingt. Sie nimmt uns auf ganz verschiedene Reisen mit. Das empfinde ich als grossen Reichtum. 

Frauen, die Hustvedt prägten, kommen im Film immer wieder vor. Viele Frauen haben eine Wut in sich. Ein Hauptthema des Films? 

Die Wut von Frauen ist ein grosses Thema im Film. Wie gehen wir am besten mit Wut um? Wie schaffen wir sie künstlerisch zu verarbeiten, die so wichtige Wut? Oft wird diese Wut unterdrückt – gerade von Frauen. 

Sie haben viel Zeit mit Siri Hustvedt verbracht. Was haben Sie von ihr gelernt? 

Was bei Hustvedt ganz klar rauskommt: Fragen sind kostbarer als Antworten. Man muss nicht immer zu allem eine Meinung haben. In unserer heutigen Zeit, wo viele Menschen immer gleich eine Antwort haben, ist das tief in mich eingedrungen. Das heisst nicht, dass man verstummen soll. Auch im Film gibt es viele Botschaften – wenn auch subtile.

Die leise, aber auch laute Wut dieser humorvollen Frau – man hört sie immer wieder im Film. Wenn sie über Sexismus in der Literatur spricht; darüber, als weibliche Person im Literaturbetrieb unterschätzt zu werden. Oder wenn sie sich an ihren geliebten Vater erinnert, auf dessen Anerkennung als Intellektuelle sie vergeblich wartete.

Siri Hustvedt liest auf einem Sofa.
Legende: Lesen als Lebenselixier: Siri Hustvedt in ihrem Heim im Brooklyn. Bücher sind dort überall. DV Film

Der rote Faden im Film, der ohne Frage auch feministisch ist: berühmte Frauen, die Hustvedt inspirierten. Die im Leben Ähnliches erlebten, oft anders damit umgingen.

Eine wichtige Figur für Hustvedt etwa: Louise Bourgeois. Die französische Künstlerin, die die Zuneigung ihres Vaters suchte und nur Verachtung fand. Die ihre Lebens- und Leidensthemen zu Kunst machte.

Eine «überwältigende Kraft»

In einer Szene findet Siri Hustvedt, die (auch noch!) ziemlich gut zeichnen kann, Skizzen aus der Studentenzeit. «Etwas dürftig», lacht sie und stellt fest: «Ich habe damals schon viele Fäuste gezeichnet.»

Paul Auster beschreibt seine Frau im Film als eine «überwältigende Kraft». Der Dokumentarfilm «Dance Around the Self» kreist um diese Kraft, bringt die Facetten Hustvedts Wort für Wort, Bild für Bild zutage.

Kinostart: 2. April

Radio SRF 2 Kultur, 1.4.2026, 17:20 Uhr

Meistgelesene Artikel