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«Yalda, a Night for Forgiveness» im Kino
Aus Tagesschau vom 09.12.2020.
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Neu im Kino «Yalda»: Ein Todesurteil als TV-Spektakel

Verstörendes Drama mit realem Hintergrund: Eine iranische Reality-Show ist die letzte Hoffnung für eine mutmassliche Mörderin.

Maryams (Sadaf Asgari) 40 Jahre älterer Ehemann Nasser ist tot. Wegen ihr. Sie sagt: Es war ein Unfall. Das Gericht sagt: Es war Mord. Die junge Iranerin wurde deshalb zum Tod verurteilt.

Ihre letzte Chance, um zu überleben: Mona (Behnaz Jafari), Nassers erwachsene Tochter aus erster Ehe. Die populäre TV-Sendung «Freude der Vergebung» hat die beiden Frauen eingeladen, um den Fall nochmals aufzurollen.

Filmszene: Eine Frau mit Kopftuch sitzt in einem pompösen Sessel und schaut ernst auf eine jüngere Frau im Vordergrund, die man nicht richtig erkennt.
Legende: Mona entscheidet über Maryams Schicksal. Little Dream Picture

Am Ende soll Mona entscheiden, ob sie Maryam verzeiht und damit die Todesstrafe aufhebt. Und das vor einem Millionenpublikum, das seine Meinung per SMS kundtun kann.

Eine Sendung wie im Drama «Yalda» gab es im Iran wirklich. Sie wurde von 2007 bis 2018 jeweils während des Fastenmonats Ramadan ausgestrahlt.

Todesstrafe wegen Rebellion oder Ehebruch

Im Iran gilt die Scharia, das göttliche Gesetz des Islams. «Darin findet sich die Doktrin ‹Auge um Auge, Zahn um Zahn wieder›», sagt Saïda Keller-Messahli. Die Menschenrechtsaktivistin kämpft seit Jahren gegen den politischen Islam. «Eine Tötung wird in der Scharia mit einer Tötung vergolten.»

Selbst die Scharia kenne zwar das Konzept der mildernden Umstände. Das islamische Regime würde sich aber oft darüber hinwegsetzen.

Die Todesstrafe steht nicht nur auf Mord. Sondern unter anderem auch auf Rebellion, gleichgeschlechtliche Beziehungen, Ehebruch oder religiöse Straftaten wie die Verfluchung des Propheten.

Angehörige haben das letzte Wort

Auch Teil der Scharia ist die Möglichkeit der Vergebung bei Mord. Die Angehörigen der Opfer haben das letzte Wort. Nicht nur in Fernsehsendungen.

Durch Verzeihen können die Familien das Todesurteil abwenden. Dafür muss ihnen der oder die Verurteilte ein sogenanntes Blutgeld bezahlen.

Doch die Entscheidung zum Verzeihen treffen viele nicht leichtfertig, sagt SRF-Nahost-Kenner Pascal Weber. «Ich habe eine Frau getroffen, die nach dem Mord an ihrem Ehemann 14 Jahre lang mit sich gerungen hat», erzählt er.

Am Ende habe sie dem Mörder verziehen. Sich aber noch tagelang gefragt, ob sie damit einen Fehler gemacht hat. «Auch der weitere Familienkreis dränge oft auf Rache», sagt Weber: «Die Angehörigen stehen unter grossem Druck.»

Mehr als 280 Hinrichtungen in einem Jahr

Der Iran ist eines der Länder mit den meisten Hinrichtungen der Welt. Allein 2019 wurden mindestens 280 Menschen exekutiert. Die meisten davon wegen Mordes.

Im letzten Jahr wurde aber auch mindestens 374 Verurteilten vergeben. Ein deutlicher Anstieg zum Vorjahr. Prominente, Kunstschaffende und Menschenrechtsaktivistinnen rufen dazu auf, das Leben der Verurteilten zu schonen.

Filmszene: Ein Mann im Anzug redet eindringlich auf eine junge Frau mit Kopftuch ein.
Legende: Der Moderator erklärt Maryam: Wenn die Mehrheit per SMS für ihre Vergebung stimmt, wird ein Teil ihres Blutgeldes übernommen. Little Dream Picture

SRF-Korrespondent Pascal Weber glaubt aber nicht, dass ein grundsätzliches Umdenken stattfindet: «Das Blutgeld in Höhe von 50'000 Dollar, das die Angehörigen als Entschädigung erhalten, ist wahrscheinlich einfach wichtiger als Blutrache. Denn vielen Iranerinnen und Iranern geht es finanziell schlecht.»

Kein Raum für Veränderung

Saïda Keller-Messahli sagt: «Es sind vor allem gebildete Menschen, die sich gegen die Todesstrafe und fürs Verzeihen einsetzen.»

Sie kann sich vorstellen, dass die Bevölkerung bereit zu einer Veränderung wäre. Das islamische Regime jedoch nicht. «Im Iran herrscht ein repressives System, das wenig Raum für Kritik und somit für Veränderung lässt.»

Das spannende Drama «Yalda» regt zum Nachdenken an. Über Themen, die fremd erscheinen. Im Iran aber gehören sie zum Alltag.

Kinostart: 10. Dezember 2020

Sendung: SRF 1, Tagesschau, 9.12.2020, 19:30 Uhr

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