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Schweizer Dokumentarfilm «Genesis 2.0»: Der Traum, ein Mammut zu klonen

Atemlos, erschrocken und überwältigt: So verlässt man den Kinosaal nach Christian Freis neuem Dok-Film «Genesis 2.0», der Kunstwerk und Kinospektakel in einem ist.

Legende: Video 3 Fragen an Christian Frei abspielen. Laufzeit 03:32 Minuten.
Aus Kultur vom 17.04.2018.

Kunst statt Infotainment, ein echter Dokumentarfilm statt toller Bilder hinter einer alles erklärenden Kommentarspur: Man könnte sich «Genesis 2.0» tatsächlich auch im Stil des Discovery Channels vorstellen, mit bombastischer Musik unterlegt.

Aber Christian Frei, Präsident der Schweizer Filmakademie, Regisseur von War Photographer, und bei «Genesis 2.0» Co-Regisseur und Produzent, ist beides: Künstler und Showman, Dokumentarfilmer, Essayist und Spektakelbauer.

Zwei Männer mit Mammutstosszähnen auf den Schultern.
Legende: Auf der Suche nach dem «weissen Gold»: Mammutknochenjäger auf den sibirischen Inseln. Genesis 2.0

So ist auch «Genesis 2.0» beides. Ein Kunstwerk und ein Kinospektakel mit Unterhaltungswert – ein Werk, das am 40. Moscow International Filmfestival im April den «Audience Award» gewonnen hat.

«Let us make art»

Christian Frei erklärt nach der Weltpremiere seines neuen Films: Sein junger russischer Ko-Autor Maxim Arbugaev habe ein Angebot eines kommerziellen Pay-TV-Kanals gehabt für seine spektakulären Aufnahmen der «Mammutjäger» auf den sibirischen Inseln.

Legende: Video 3 Fragen an Maxim Arbugaev abspielen. Laufzeit 02:50 Minuten.
Aus Kultur vom 17.04.2018.

Aber als Arbugaev und Frei sich in Nyon am Dokumentarfilmfestival getroffen hatten, habe Frei ihm vorgeschlagen, die Möglichkeiten der europäischen und insbesondere der Schweizer Filmförderung zu nutzen: «Let us make art.»

Auf der Suche nach Mammutskeletten

Der in Sibirien aufgewachsene Maxim Arbugaev war zuerst Profi-Hockey-Spieler. Dann bat ihn seine Schwester, eine Fotografin, sie als «Bodyguard» auf einen gefährlichen Trip auf die sibirischen Inseln zu begleiten.

Sie wollte die Arbeit jener Männer dokumentieren, die sich im auftauenden Permafrost auf die Suche nach dem «weissen Gold» machten: Mammutskelette, Kadaver und in erster Linie Mammutstosszähne.

Arbugaev filmte ein wenig und fand Gefallen daran. Das Fotobuch seiner Schwester erschien. Die Geschichten um spektakuläre Mammutfunde, den Elfenbein-Schwarz- und Weltmarkt und das russische Mammut-Museum tauchten immer häufiger in den Medien auf.

Insbesondere der Traum des Kurators des Mammutmuseums, eines Tages eine noch lebende Zelle in einem der gefrorenen Mammutkadaver zu finden und daraus ein Mammut klonen zu lassen, hat die öffentliche Fantasie beflügelt.

Plötzlich hat es «Klick» gemacht

Bei Christian Frei war es die Lektüre des Buches des Gentech-Gurus George M. Church, die sich mit Arbugaevs Mammut-Jäger-Geschichten verband. Plötzlich habe es «Klick» gemacht. Er habe gewusst, worum sich sein nächster Film und die nächsten vier Jahre seines Lebens drehen würden, erzählte Christian Frei.

Das Konzept, das Frei mit Arbugaev aushandelte, war zugleich simpel und komplex. Die Knochenarbeit der Mammutjäger und der Klon-Traum des Mammut-Museumskurators sollten die traditionelle Seite des Vorgehens illustrieren.

Frei dagegen würde den Schöpfungsträumen der neuen Gentechnologen nachgehen, den Basteltreffen des Wissenschaftsnachwuchses in Kalifornien, dem industriellen Klonen von Schosshunden beim koreanischen Spezialisten und der Arbeit der weltgrössten Genbank in China.

Die Baupläne des Lebens selber schreiben

Damit treffen in «Genesis 2.0» die Hoffnungen der «Rekonstruktionisten» auf die grössenwahnsinnigen Träume der neuen Schöpfer, jener Genom-Bastler, die überzeugt sind, die Baupläne des Lebens nicht nur lesen, sondern bald auch selber schreiben zu können.

Das ist eine komplexe Materie für einen Film. Ohne Erklärungen und vereinfachte Darstellungen ist sie nicht in zwei Stunden abzuhandeln.

Aber es gelingt Frei erstaunlich gut, die abenteuerlich spektakulären Bilder der modernen Goldschürfer auf den sibirischen Inseln mit den Erklärungen, Deklarationen und Selbstpromotions-Feldzügen der Vorkämpfer der nächsten technologischen Weltrevolution zu verbinden.

Gottes Schöpfung ist nicht perfekt

Wenn der chinesische Institutsleiter lächelnd erklärt, Gottes Schöpfung sei nicht perfekt, aber nun habe man die Technologie, um sie besser zu machen, kriegt der durchschnittlich gebildete Westler den Mund nicht mehr zu vor Verblüffung.

Und wenn die PR-Frau der Genbank auf die Frage nach den ethischen Implikationen der pränatalen Selektions-Diagnostik mit absolutem Unverständnis reagiert und einem Gesichtsausdruck, der von blank zu mitleidig wechselt, dann packt das metaphysische Gruseln noch die letzte Zuschauerin im Kinosaal.

Irrwitzige Spannweite

«Genesis 2.0» ist ein Spektakel für die grosse Leinwand, mit ungebremst pathetischem Musikeinsatz und Selbstinszenierungen des nachdenklich sinnierenden Regisseurs.

Ko-Produktion

Aber nach zwei Stunden eintauchen in eine Welt der irrwitzigen Spannweite, dem Kontrast zwischen der gefährlich konkreten und zugleich absurden Arbeit der Schürfer in Sibirien und jener der skrupel- und bedenkenlosen Gentechnokraten im Rennen um die nächste industrielle Revolution, kommt man zugleich atemlos, erschrocken und überwältigt wieder ans Tageslicht. Das ist eine gute Bilanz für einen Dokumentarfilm, der gezielt auch Kunst ist.

Kinostart: 8. November 2018

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