Es beginnt mit einer Eskalation, die sich anfühlt wie ein Endpunkt: zwei Männer, ein Schuppen, angestaute Gewalt. Und das ausgerechnet an einer Hochzeit.
Dann setzt «Half Man» neu an: Zwei Jungs im Schottland der 1980er-Jahre, in einer Umgebung, in der Nähe und Brutalität kaum zu trennen sind. Niall und Ruben wachsen zusammen auf, nicht verwandt, aber so was wie Brüder.
Früh schon zeigt sich eine Dynamik: der eine unsicher, beobachtend, der andere dominant, impulsiv, bereit, jede Kränkung in einen Angriff zu verwandeln. Was wie eine Brüderschaft beginnt, kippt nach und nach in ein System gegenseitiger Abhängigkeit, in dem Fürsorge und Zerstörung kaum noch zu unterscheiden sind.
Nähe, die weh tut
Die Gegenwart – eine Hochzeit, ein Wiedersehen, ein Eindringen in ein scheinbar geordnetes Leben – wirkt kontaminiert. Der Schadstoff? Die Vergangenheit. Immer wieder schneiden Rückblenden ins heute, als wollten sie sagen: Wir haben noch eine Rechnung offen.
Seit seiner Erfolgsserie «Baby Reindeer» begleitet den Drehbuchautor und Regisseur Richard Gadd die Frage, wie viel eigene Erlebnisse in seine Arbeiten einsickern. Gadd selbst hat über die eigenen Missbrauchserfahrungen gesprochen; was ihn als Autor interessiert, ist nicht das, was passiert ist, sondern das, was es mit einem macht.
Auch «Half Man» wirkt wie ein Antasten. Was macht ein Trauma mit einem - über die Jahre? Und was passiert, wenn es auf eine Welt trifft, in der Männlichkeit noch immer heisst, keine Schwäche zu zeigen? Darum geht es hier.
Gewalt hier, Worte dort
Ruben (Richard Gadd) ist so eine Figur, die man kaum aushält. Er stösst ab und zieht an. Er schlägt, er beschützt, er beansprucht. Seine Loyalität ist absolut, aber sie hat einen Preis. Niall (Jamie Bell) dagegen scheint sich dem zu entziehen, flüchtet in Bildung, in Sprache, in das Projekt, sich selbst zu erklären. Doch je länger die Serie dauert, desto deutlicher wird, dass diese Flucht keine ist. Seine Zurückhaltung kippt in Egoismus, seine Selbstreflexion in Selbsttäuschung. Er verurteilt, was er zugleich begehrt.
Formal zeigt «Half Man», was Serien heute so suchthaft macht: präzise gesetzte Zeitsprünge, Szenen, die eng ineinandergreifen. Gewalt steht neben Zärtlichkeit, die Serie spielt sie nicht gegeneinander aus. Im Gegenteil, beides liegt erschreckend nah. Fürsorge kippt in Demütigung, Schutz in Besitz. Richard Gadd interessiert genau dieser Moment: Wenn etwas kippt und keiner sagen kann, wann.
Stärke, die zerstört
Auffällig ist, dass diese Genauigkeit nicht allen Figuren zugutekommt. Die Frauen bleiben Randfiguren. Sie halten Beziehungen am Laufen, aber sie prägen sie nicht. Man kann das als bewusste Konzentration auf ein männliches Universum lesen. Aber die Leerstelle fällt auf.
Am Ende von «Half Man» läuft alles auf eine Konfrontation zu. Sie sagen sich endlich alles, und es hilft nichts. Kein «Wir verstehen uns jetzt». Eher das Gegenteil: Je klarer es wird, desto schlimmer.
Das ist die Konsequenz von «Half Man»: Ehrlichkeit, Reue, Beichte – und trotzdem keine Erlösung. Genau darin liegt ihre Härte. Sie zeigt nicht, was Männlichkeit ist, sondern was sie anrichtet, wenn niemand lernt, mit ihr umzugehen.
«Half Man» läuft auf HBO Max.