Solothurner Filmtage Art mon amour: Kunst im Kino

In Zusammenarbeit mit dem Kunsthaus Aarau zeigen die Solothurner Filmtage, wo sich Film und Kunst berühren. Wie geht das Kino mit der Kunst um? Wir zeigen fünf Paradebeispiele.

Ein Mann steht vor einem Feld. Vor ihm ist eine Leinwand, auf der er das Feld malt. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Dieser Film will Kunst werden, indem er Kunst erlebbar macht: «Lust for Life» (1956). MGM

Als sich das Kino vom Rummelplatz emanzipierte und Kunst werden wollte, musste es sich erst legitimieren. Aus dieser Zeit stammt der Begriff der «siebten Kunst», der zeigt, wohin die Ambitionen zielten und wo man die Massstäbe vermutete.

Vom Film als Gesamtkunstwerk wurde geträumt, von der Kombination aller Künste, vom Schreiben übers Malen bis zum Komponieren, die Fortsetzung der Oper mit den verfeinerten Mitteln der mechanischen Illusion.

Kunst plündert die Mythen des Kinos

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Solothurner Filmtage

SRF berichtet über das jährliche Klassentreffen des Schweizer Films. Die neusten Berichte und Beiträge finden Sie in unserem Online-Special. Und hier geht's zum Programm.

Matte-Painting für Hintergründe, Puppen basteln für «King Kong», Symphonien komponieren für die Stimmung und Dramen schreiben für das Drehbuch: Das kommerzielle Kino hat sich die klassischen Künste und die Künstler einverleibt.

Aber wie geht der Film tatsächlich mit der Kunst um? Wie nähert sich die Kamera den Künstlerinnen und ihren Werken? Was will sie von ihnen? Und was will die Kunst vom Kino? Denn längst hat das Blatt sich gewendet, die zeitgenössische Kunst plündert nun ihrerseits die Mythen des Kinos.

Fünf Beispiele für den Umgang des Kinos mit der Kunst:

1. «Le mystère Picasso» (1955) von Henri-Georges Clouzot

Pablo Picasse malt mit dem Rücken zu Kamera ein Huhn auf eine Leinwand. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Er malt direkt für und in die Kamera: Pablo Picasso in «Le Mystère Picasso» (1955). Filmsonor

Clouzot war einer der raffiniertesten französischen Thriller-Regisseure. Von ihm stammen Meisterwerke wie «Le salaire de la peur» (1953) oder «Les diaboliques» (1955). Aber 1956 schuf er mit seinem Freund Pablo Picasso einen Dokumentarfilm über die Entstehung von Kunst, der bis heute unerreicht geblieben ist.

Picasso malt direkt für und in die Kamera, auf eine transparente Leinwand. Er malt und übermalt Bilder und in einer Art Zeitraffer-Darstellung wird der Prozess visualisiert. Da geht es nicht um das nachdenkliche Genie im Kampf mit seiner Vision, nicht um den verkannten Künstler im zugigen Dachboden, sondern schlicht um den Rausch der Kreativität, den Tanz eines Genies mit sich selber und seiner Kunst. Das hätte Clouzot wohl mit keinem anderen Künstler drehen können. Und darum ist dieser Film nicht nur einzigartig, sondern ganz unbestritten Kunst.

2. «Lust for Life» (1956) von Vincente Minelli

Ein Mann steht vor einem Feld. Vor ihm ist eine Leinwand, auf der er das Feld malt. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Dieser Film will Kunst werden, indem er Kunst erlebbar macht: «Lust for Life» (1956). MGM

Kirk Douglas spielt das verkannte, tragische Maler-Genie Vincent van Gogh und Anthony Quinn seinen lebenstüchtigeren Bewunderer Paul Gauguin. Der eindrückliche und packende Film vom Musical-Spezialisten Vincente Minelli nutzt das klassische Klischee vom verkannten Künstler-Genie, das seiner Zeit zu weit voraus ist, um Anerkennung zu finden. Und damit auch das Wohlgefühl beim modernen Publikum, das in seiner Kunstverständigkeit erkennt, wie grossartig die Bilder des Malers tatsächlich sind.

In ihren verkannten, genialen Künstler-Vorgängern haben sich nicht nur Filmregisseure gerne gespiegelt, sondern auch Buchautoren wie Irving Stone, der die Romanvorlage für den Film geschrieben hat. Ein Beispiel für einen Film, der Kunst werden will, indem er Kunst erlebbar macht.

3. «Basquiat» (1996) von Julian Schnabel

Andy Warhol und Basquiat stehen vor einem Maschendrahtzaun. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Nimmt die künstliche Welt, in der die Kunst zu existieren versucht, unter die Lupe: «Basquiat» (1996). Miramax Films

Der «neo-expressionistische» Maler Julian Schnabel setzte sich selber und der Kunst ein Denkmal mit diesem raffiniert und reflektiert gemachten «Biopic». Er erzählt von Aufstieg und Fall des jungen New Yorker Strassenkünstlers Jean-Michel Basquiat, der von Andy Warhol (David Bowie) und seinem etablierten Kunst-Zirkel entdeckt und gefördert wird. Bis er am allzu schnellen Erfolg zerbricht.

«Basqiuat» ist im Kern wieder die Geschichte vom tragischen Maler-Genie, allerdings gebrochen und reflektiert über den zeitgenössischen Kunstbetrieb. Also ein Spielfilm, der Kunst werden will, indem er Kunst und Künstler nicht nur erlebbar macht, sondern zugleich die künstliche Welt unter die Lupe nimmt, in der diese Kunst zu existieren versucht.

4. «La belle noiseuse» (1991) von Jacques Rivette

Eine nackte Frau kauert auf dem Boden. Neben ihr sitzt ein Maler auf einem Hocker. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Ein Film, der das Klischee vom «Leiden für die Kunst» um eine neue Dimension erweitert: «La belle noiseuse» (1991). Pierre Grise

Über mehr als vier Stunden hinweg zeigt der französische Regisseur, wie der vom grossartigen Michel Piccoli gespielte Maler Edouard Frenhofer mit seiner Kunst ringt. Die mal irritierende dann wieder völlig natürliche und immer widerspenstige Nacktheit der schönen jungen Emmanuelle Béart, welche die «belle noiseuse», die schöne Querulantin, als Modell verkörpert, bildet den Gegenpol zum besessenen Kampf des Malers mit seiner Vision.

Am Ende mauert er das so sehr erlittene und erkämpfte Bild ein, ohne es jemandem zu zeigen. Der Film von Rivette macht das künstlerische Ringen um die eigene Schöpfung physisch und psychisch nachvollziehbar. In der irisierenden Beziehung zwischen Maler und Modell spiegelt sich der Kontrast zwischen Realität und Vision. Ein grossartiger, irritierender Film, der das Klischee vom «Leiden für die Kunst» um eine neue, nachvollziehbare Dimension erweitert.

5. «National Gallery» (2014) von Frederick Wiseman

Eine Restauratorin beugt sich über ein Gemälde. Sie trägt eine spezielle Brille. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Ein umfassendes Porträt einer reichhaltigen und komplexen Institution: «National Gallery» (2014). Idéale Audience

Der 86-jährige Frederick Wiseman ist der Meister des «direct cinema», jenem dokumentarischen Stil, der ohne Kommentar ein Maximum an Einsicht zu vermitteln versteht. Im Falle der «National Gallery» hat er wochenlang im gleichnamigen riesigen Museum in London gedreht.

Er und sein Team waren bei Geschäftsleitungssitzungen dabei, bei der Planung der Öffentlichkeitsarbeit, beim Umsetzen von Sparmassnahmen. Vor allem aber in den Museumsräumen, beim Aufhängen von Bildern, beim Restaurieren, bei Führungen und bei all dem, was im Hintergrund passiert. In der fertigen Montage entstand dabei nicht nur ein umfassendes Porträt einer unglaublich reichhaltigen und komplexen Institution, sondern auch ein fast schon allumfassender Eindruck von Sinn und Zweck und Absicht, von Hoffnung und Möglichkeit, die sich hinter der Institution «Museum» verbergen.

Ein Film, der weder Kunst sein will noch Kunst vermittelt, sondern sie in all ihrer Notwendigkeit und Selbstverständlichkeit im menschlichen Zusammenleben nachweist.

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