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Tod von Claude Lanzmann Er veränderte den Umgang mit dem Unfassbaren für immer

Claude Lanzmann ist 92-jährig gestorben. Sein Dokumentarfilm «Shoa» rief den Holocaust komplett anders und realer ins kollektive Gedächtnis als alles andere zuvor.

Lanzmann im Anzug, von einer Empore herunterschauend
Legende: Mit «Shoa» wurde Lanzmann zu einer moralischen Instanz. Eine Position, die er zuweilen durchaus genussvoll ausfüllte. Imago/panoramic

Claude Lanzmann kam im November 1925 in Paris zur Welt, als Sohn einer aus dem Osten nach Frankreich emigrierten jüdischen Familie.

Er sei ohne jüdische Traditionen aufgewachsen, ohne jüdische Kultur, er spreche weder Jiddisch noch Hebräisch, betonte Claude Lanzmann immer wieder: «Für viele bin ich eigentlich ein sehr schlechter Jude».

Lanzmann wurde spät zur Symbolfigur

Zusammen mit seinem Vater schloss sich der junge Lanzmann gegen Ende des Zweiten Weltkrieges der französischen Resistance an. In den 1950er-Jahren engagierte er sich gegen den Algerienkrieg, freundete sich mit Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir an.

Aber erst als 60-Jähriger wurde Claude Lanzmann 1985 zur Symbolfigur: nach mehr als elf Jahren Arbeit an seinem schliesslich 566 Minuten langen Dokumentarfilm «Shoa».

Erzählungen statt Bilder

Der Film vermittelt den Horror des Holocaust ausschliesslich über die gefilmten Aussagen von Zeitzeugen. Man könne den Horror nicht in Bilder fassen, meinte Lanzmann. Selbst wenn er dokumentarische Filmaufnahmen aus der Zeit gefunden hätte, hätte er sie wahrscheinlich verbrannt.

In ihrer Radikalität erinnert die Aussage an ein religiöses Bilderverbot, wie es nicht nur das Judentum kennt. Aber Lanzmann war verblüfft, dass er für «Shoa» auch aus jüdischen Kreisen attackiert wurde.

Man solle nicht mehr von all dem reden, sondern viel mehr das Positive des Judentums betonen, sei einer der Vorwürfe gewesen. Dem hat Lanzmann entgegnet, er sei eben eher ein Jude der Negativität.

Durchschlagende Wirkung

Die Wirkung des über neun Stunden langen Films war jedenfalls durchschlagend. Für viele Menschen wurde der Holocaust erst durch diese Zeitzeugenaussagen zum ersten Mal real.

Gleichzeitig begann sich ohne Lanzmanns Zutun in Kritikerkreisen eine Art Lanzmannsches Dogma zu etablieren. Als Steven Spielberg mit seinem Spielfilm «Schindlers List» 1993 ein Millionenpublikum erreichte und erschütterte, waren diese Kritiker sofort zur Stelle und verdammten die Fiktionalisierung des Holocaust-Horrors.

Lanzmann mit Kippa
Legende: Lanzmann wurde auch kritisiert – auch aus jüdischen Kreisen. Keystone

Kann man den Holocaust darstellen?

Claude Lanzmann selber fand Schindlers List weder rührend noch ärgerlich, er betonte einfach weiterhin, dass man den Holocaust nicht darstellen könne. Andererseits hat ja der gleiche Steven Spielberg mit der Gründung seiner Shoa-Foundation das Aufzeichnen von Zeitzeugenberichten weitergeführt.

Als allerdings vor drei Jahren am Filmfestival von Cannes der Ungar Laszlo Nemes mit «Son of Saul» die Geschichte eines Vaters in Ausschwitz erzählte, der versucht, die Leiche eines Jungen vor dem Verbrennen zu retten, fürchtete sich der Regisseur vor der Begegnung mit dem ebenfalls in Cannes anwesenden Claude Lanzmann.

Hatten sich doch etliche Kritiker gerade in Frankreich auf Lanzmann berufen, als sie den Spielfilm als unzulässige Fiktionalisierung verdammten.

Zu Nemeschs riesiger Erleichterung aber stellte sich heraus, dass der noch immer für seine polternden und kritischen Aussagen gefürchtete 90-jährige Lanzmann den Film wunderbar gefunden hatte.

Moralische Instanz

Claude Lanzmann hat nicht nur mit seinen Filmen, sondern auch mit seinen Büchern und mit all seinen öffentlichen Aussagen eine klare Haltung sehr streitbar vertreten.

Dass er seinen Status als moralische Instanz auch genoss und lustvoll verteidigte, macht ihn im Rückblick menschlicher und seine Filme nur noch stärker.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur-Nachrichten, 5.7.2018, 16:30 Uhr.