100 Jahre Boeing und die Kultur des Fliegens

Was einst so beschaulich in einer Holzhütte im Nordwesten der USA begann, mauserte sich zum grössten Luft- und Raumfahrtunternehmen der Welt – und war der Arbeitgeber von Autor Thomas Pynchon. Wie der Flugzeughersteller Boeing Kulturgeschichte schrieb.

Als William E. Boeing, der deutschstämmige Sohn eines Holzhändlers, am 15. Juli 1916 seine Firma «Pacific Aero Products» in der Nähe von Seattle gründete, war das die Geburtsstunde des modernen Luftverkehrs.

Über Jahrzehnte hinweg wuchs aus seiner Flugzeugbastelbude ein gigantisches Unternehmen mit heute 160‘000 Mitarbeitern. Es wurde zum Inbegriff des cleveren, industriellen Flugzeugbaus.

Ein Porträt von Thomas Pynchon. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Schriftsteller Thomas Pynchon, 1937 geboren, ist ein bedeutender Vertreter der literarischen Postmoderne. flickr/Jon Lebkowsky

Unter Bergen von Papier

Neben unzähligen Ingenieuren und Designern, arbeitete auch ein prominenter Autor bei Boeing: Thomas Pynchon. Der exzentrische Romancier, der nie in der Öffentlichkeit auftritt, war Anfang der 1960er-Jahre als technischer Redaktor bei Boeing beschäftigt.

Zwischen 1960 und 1962 redigierte er dort Flughandbücher und schrieb für Boeings Hauszeitungen Artikel über Atom-und Flugabwehrraketen. Diejenigen, die mit ihm zusammenarbeiteten, beschrieben ihn – wenig verwunderlich – als introvertiert und einzelgängerisch.

Vergraben unter technischen Zeichnungen und Bergen von Papier, wie ein kafkaesker Büromensch, grübelte er an seinen Artikeln und Handbüchern. Er galt als literarisch enorm belesen und technisch beschlagen.

Pynchon-Biographen fahnden auch heute noch in den Boeing-Archiven nach dem Werksphantom Pynchon und kommen zu den unterschiedlichsten Resultaten. Manche Rechercheure behaupten sogar, Pynchon hätte nie bei Boeing gearbeitet

Als Flugzeuge sexy waren

Die 1960er-Jahre von Boeing waren ein quirliges «Jet-Zeitalter». Düsenflugzeuge waren «in» – und sexy. Pynchon schrieb nach den Boeing-Jahren seinen funkensprühenden Raketenroman «Die Enden der Parabel», während an den Reissbrettern die Zukunft des Fliegens gigantische Formen annahm.

1966 leisteten im kleinen Städtchen Everett Bagger und Planierraupen ganze Arbeit. Sie machten Platz für die grösste Montagehalle der Welt für das grösste Zivilflugzeug des 20. Jahrhunderts: die Boeing 747.

Nordwestlich von Seattle sollte ein Gigant in Serie gehen, mit dem Boeing Luftfahrtgeschichte schrieb. Dieser Jumbo Jet getaufte Riese mit über 350 Tonnen Abfluggewicht wurde konstruiert, um dem internationalen Massentourismus Flügel zu verleihen.

Ein Bild von zwei Männern vor einem Flugzeug. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die Flugzeugentwickler William E. Boeing und Fred Rentschler, 1929. Los Angeles Times photographic archive, UCLA Library

Mythos fliegt weiter

Um ein Haar hat diese Idee den mächtigen Luftfahrtkonzern in eine Existenzkrise gestürzt. Ende der 1960er-Jahre brachte die weltweite Rezession und die Ölkrise die Produktion von Verkehrsflugzeugen beinahe zum Erliegen. Boeings Jumbos wollte keiner mehr haben, zehntausende Boeing-Mitarbeiter sassen auf der Strasse.

Doch wie durch ein Wunder erfand sich der Flugzeugbauer Boeing neu, als international vernetzter Technologie-Anbieter mit 18‘000 Patenten.

Zu guter Letzt wurde aus dem Jumbo, der Maschine mit dem markanten Buckel, doch noch ein Verkaufsschlager, der allerdings in absehbarer Zukunft in Rente gehen wird – mit einem Paukenschlag:

Im Februar haben Boeing-Ingenieure damit begonnen, eine neue Air Force One, die fliegende Kommandozentrale des US-Präsidenten, zu bauen. Sie basiert auf einem Jumbo Jet und wird das teuerste Flugzeug aller Zeiten sein: Es kostet 1,65 Milliarden Dollar. Ab 2024 wird es den amtierenden US-Präsidenten – oder Präsidentin – um die Welt fliegen. Der Jumbo selbst wird dann allerdings schon Geschichte sein.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur Aktuell, 15. Juli 2016, 17:20 Uhr.