Mit ihrer Arbeit brachte sie das Tabuthema Tod in die Öffentlichkeit – und stiess damit auf heftigen Widerstand. Kolleginnen und Kollegen reagierten mit Ablehnung, religiöse Kreise polemisierten, in den USA wurde ihr Haus nach Workshops mit Aidskranken sogar angezündet.
Elisabeth Kübler-Ross blieb unbeirrbar. Der Filmemacher Stefan Haupt, der sie Ende der 1990er-Jahre für einen Dokumentarfilm in Arizona besuchte, erinnert sich: «Sie war eine unglaublich eigenwillige Person.» Eine, die mit dem Kopf durch die Wand ging – «je dicker die Wand, desto mehr wusste sie, dass sie dort durch will und kann.»
Leben im Exzess
Diese Radikalität trug sie weit – und sie forderte ihren Preis. Kübler-Ross lebte intensiv, arbeitete exzessiv, überging oft eigene Grenzen und erlitt mehrere Schlaganfälle. Beziehungen litten, auch die Ehe. Und doch bleibt ihr Einfluss auf die Medizin unbestritten.
Ihre Arbeit fiel in eine Zeit, in der die technische Medizin grosse Erfolge feierte: Von Intensivmedizin über Anästhesie bis Transplantation – damals «machte sich das Gefühl der Omnipotenz breit», erklärt der Palliativmediziner Gian Domenico Borasio.
Stimmen der Sterbenden
Der Tod hingegen wurde an den Rand gedrängt. In diesem Klima stellte Kübler-Ross eine radikale Gegenfrage: Was ist mit denen, die nicht mehr geheilt werden können? «Sie hat als Erste den Sterbenden eine Stimme gegeben», sagt Borasio.
In einer Medizin, die stark paternalistisch geprägt war, sei das «absolut unerhört» gewesen. Patientinnen und Patienten wurden häufig nicht einmal über ihre Diagnose informiert. Wer als «austherapiert» galt, verschwand aus dem medizinischen Blick.
Sterben in Phasen
Kübler-Ross stellte diese Logik auf den Kopf, denn sie hörte zu. Ihr bekanntestes Buch, «Interviews mit Sterbenden», das sie 1969 mit einem Schlag weltberühmt machte, war weniger Theorie als Praxis: Es waren Gespräche mit Menschen am Lebensende und deren Familien.
Darin teilt sie das Sterben in fünf Phasen ein: Nicht-wahrhaben-wollen und Isolation, Zorn, Verhandeln, Depression, Zustimmung. Diese Phasen wurden später auch auf die Trauer angewandt.
Allerdings relativierte Kübler-Ross ihr Modell später in ihrer Laufbahn und betonte, es sei bloss ein Konzept und die Phasen könnten beim einzelnen Individuum ganz anders oder in umgekehrter Reihenfolge ablaufen. Heute hat es eher historische Bedeutung.
Eine begnadete Zuhörerin
Viel zentraler als dieses Modell war eine besondere Fähigkeit von ihr: «Sie war eine begnadete Zuhörerin», so Borasio. In der Fähigkeit zum aktiven Zuhören liege ihr Vermächtnis. Der Patient mit seinem sozialen Umfeld, seinen Nöten, Sorgen, Bedürfnissen und Ängsten wurde so ins Zentrum der Medizin gerückt. Der Sterbende wurde wieder zum Subjekt statt zum Objekt.
«Er durfte plötzlich seine Wünsche und Sichtweisen zum Lebensende äussern», sagt Borasio. Was heute selbstverständlich erscheint – Patientenverfügungen, vorausschauende Behandlungsplanung, Hospizbewegung –, sei ohne diesen Perspektivwechsel kaum denkbar, meint der Palliativmediziner rückblickend.
Älplermagronen in Arizona
Wer war die Frau hinter dieser Bewegung? Regisseur Stefan Haupt ist ihr ohne grosses Vorwissen begegnet. Auf dem Weg zu einem Filmfestival las er zufällig eines ihrer Bücher und beschloss spontan, einen Film über diese beeindruckende Frau zu machen.
Über Kontakte erhielt er ihre Telefonnummer, rief an und wurde eingeladen: «Kommen Sie, aber kommen Sie schnell – an Weihnachten lebe ich vielleicht nicht mehr.» Wenig später stand er in der Wüste von Arizona vor ihrem Haus.
Haupt beschreibt eine Frau mit Widersprüchen. Streng und zugewandt, abweisend und äusserst warmherzig. Wer ihr nicht passte, wurde brüsk abgewiesen. Andere erlebten grosse Nähe.
Am letzten Drehtag kochten Regisseur und Kameramann für sie Älplermagronen. «Das beste Essen seit Jahren», habe sie gelobt – und danach spontan die Mütter der beiden angerufen, um ihnen zu sagen, was für «tolle Söhne» sie hätten.
Wer bin ich?
Angetrieben wurde Kübler-Ross von einer biografischen Grundspannung. In Zürich als erste von Drillingen geboren, nach schwerer Krankheit nur dank einer Bluttransfusion des Vaters überlebt, beschäftigte sie früh die Frage: Wer bin ich?
Es entstand ein starkes Bedürfnis nach Identität und Gewissheit. Nicht Macht habe sie getrieben, sagt der Regisseur Haupt, sondern ein tiefes Interesse, ein unglaublich grosser Wissensdurst.
Dieser führte sie jedoch auch in umstrittene Bereiche. In späteren Jahren wandte sie sich esoterischen Vorstellungen zu, sprach mit Bestimmtheit vom Leben nach dem Tod, von Begegnungen «drüben». Für viele war das ein Bruch mit der Wissenschaft. Ihre Schwester Erika Kübler sprach rückblickend von einer Phase, in der Kübler-Ross «blind» gewesen sei für Kritik.
Loslassen ist schwer
Als sie sich schliesslich ihrem eigenen Tod näherte, fiel ihr das Loslassen schwer. Die Frau, die Generationen half, sich dem Ende zu stellen, rang mit ihrem eigenen. So zumindest erklärt es die Schwester im Dokumentarfilm.
Filmemacher Haupt erstaunt das wenig: «Es scheint mir logisch, dass man sich im Leben mit jenen Themen auseinandersetzt, an denen man selbst am meisten zu beissen hat.»
Ob sie mit ihrem eigenen Sterben versöhnt schien? Haupt ist sich unsicher. Sie habe die Idee gehabt, erst zu gehen, wenn sie erleuchtet sei und alles gelernt habe, sodass sie nicht mehr auf diese Welt zurückkommen müsse. Zum Schluss gelte es noch, Selbstliebe zu lernen. «Nicht einfach», meinte Elisabeth Kübler-Ross ihm gegenüber schmunzelnd, aber sie arbeite daran.