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100 Jahre Österreich So fand die Alpenrepublik zu sich selbst

Erst waren die Nazis am Mikrofon, dann herrschte der Sonnenkanzler, jetzt ist die Österreichs Rechte wieder im Vormarsch. Ein Blick auf 100 turbulente Jahre des Landes.

Legende: Audio 100 Jahre Österreich im Zeitraffer abspielen. Laufzeit 16:28 Minuten.
16:28 min, aus Kontext vom 04.11.2018.

Vor 100 Jahren herrscht Revolutionsstimmung auf den Strassen Wiens: das Habsburgerreich liegt in Trümmern, Kaiser Karl verlässt Schloss Schönbrunn durch die Hintertür, revoltierende Soldaten sorgen für Angst und Schrecken.

Überall in «Deutsch-Österreich» bilden sich Arbeiter- und Soldatenräte. Ihr Ziel: eine Räteherrschaft nach sowjetisch-russischem Vorbild.

Ausruf der Republik am 12. November

Die Führer der österreichischen Sozialdemokratie wollen das Räte-Experiment verhindern. Sie fürchten einen blutigen Bürgerkrieg. Ihnen gelingt es, die Bewegung einzuhegen und die revolutionär gesinnte Arbeiterschaft auf die demokratische Republik einzuschwören.

Dann, am 12. November 1918, wird die «Republik Deutsch-Österreich» ausgerufen, wie sie damals noch heisst.

Die Linke auf dem Vormarsch

Zwei Jahre lang regieren Sozialdemokraten und Christlich-Soziale. In dieser Zeit gelingt es der demokratischen Linken, das Frauenwahlrecht durchzusetzen. Auch treten eine Reihe vorbildlicher Sozialgesetze in Kraft, die bis heute gelten.

Nach dem Ersten Weltkrieg muss die junge Republik massive Gebietsverluste und hohe Reparationszahlungen hinnehmen. Alle Parteien sehen sich nach einem «Anschluss» an Deutschland. Doch die Alliierten sagen Nein – sie verbieten die Annexion.

Zwei Tote auf der Strasse von Wien.
Legende: Auf den Strassen von Wien herrschte ein blutiger Krieg zwischen Links und Rechts. Getty Images / Hulton Archive

Dann herrscht Tumult, es fallen Schüsse: die 1920er- und frühen 30er-Jahre sind gekennzeichnet von Hyperinflation, schweren Wirtschaftskrisen und scharfen Auseinandersetzungen zwischen der marxistisch orientierten Sozialdemokratie und der Christlich-Sozialen Partei. Immer wieder führen sie zu blutigen Konflikten.

Ruck nach Rechts

Im März 1933 verschärft Bundeskanzler Engelbert Dollfuss seinen Kurs. Er schaltet das Parlament und den Verfassungsgerichtshof aus und führt die Pressezensur ein. Dollfuss – ein Freund Mussolinis – hat ein klares Ziel: eine Diktatur nach italienischem Vorbild.

Bundeskanzler Engelbert Dollfuss.
Legende: Bundeskanzler Engelbert Dollfuss beginnt 1933 zunehmend autoritär zu regieren. Imago / United Archives International

Dollfuss spricht Klartext: «Die Zeit demagogischer Volksführung und absoluter Parteienherrschaft ist vorüber», sagt er in einer Rede auf dem Trabrennplatz.

«Wir wollen den sozialen, christlichen, deutschen Staat Österreich auf ständischer Grundlage, unter starker autoritärer Führung.»

Engelbert Dollfuss (links) und Benito Mussolini (Mitte).
Legende: Tauschten sich gerne aus: Engelbert Dollfuss (links) und Benito Mussolini (Mitte). Getty Images / Hulton Archive

Gegen die Dollfuss-Diktatur

Es kommt zum Bürgerkrieg: Sozialdemokratische und kommunistische Arbeiter proben 1934 den bewaffneten Aufstand gegen die Dollfuss-Diktatur. Die Revolte wird vom Bundesheer niedergeschlagen. Das Resultat: hunderte Tote, tausende Verwundete.

Die Führer des Aufstands werden gehängt, inhaftiert oder gehen ins Exil. Die sozialdemokratische Partei wird in die Illegalität gedrängt.

Nazis am Mikrofon

Dollfuss steht aber auch von rechts unter Druck. Die Nationalsozialisten gewinnen nach Hitlers Machtübernahme in Deutschland auch in Österreich immer mehr Zulauf.

Die österreichischen Nazis versuchen zu putschen. Sie stürmen das Kanzleramt in Wien: Dollfuss wird erschossen, ein SS-Trupp besetzt das Rundfunkgebäude in Wien und ruft zum bewaffneten Aufstand auf.

Politiker Kurt Schuschnigg während einer Rede als Bundeskanzler
Legende: Löste Dollfuss als Bundeskanzler ab: Kurt Schuschnigg stellte sich anfänglich gegen einen «Anschluss». Getty Images / Kurt Hielscher

«Heim ins Reich»

Tagelang wird gekämpft. Wieder sterben hunderte, wieder wird der Aufstand von der austrofaschistischen Staatsgewalt niedergeschlagen. Kurt Schuschnigg übernimmt die Macht.

Er bleibt nicht lange. Im März 1938 löst ein skrupelloser Diktator einen schwachen ab. Schuschnigg macht Platz für Adolf Hitler. Hitler setzt den «Anschluss» durch, Österreich kehrt «heim ins Reich».

Das Hitler-Buch "Mein Kampf".
Legende: Eine Annexion thematisiert Hitler als wichtigen Programmpunkt in seiner Streitschrift «Mein Kampf». Keystone / Lennart Preiss

Die Begeisterung in Wien ist unbeschreiblich, als Hitler auf dem Balkon des Hotels Imperial spricht: «Meine deutschen Volksgenossen und – genossinnen, was immer auch kommen mag. Das Deutsche Reich, so wie es heute steht, wird niemand mehr zerbrechen!»

Das Ende des Satzes hört kaum jemand. Zu laut und frenetisch ist der Jubel.

Hitler fährt 1938 mit seiner Wagenkolonne durch Wien.
Legende: Im Schritttempo fuhr der deutsche Diktator 1938 mit seiner Wagenkolonne durch Wien. Imago / Zuma

Nach dem «Anschluss» bricht Hitler den opferreichsten Krieg der Menschheitsgeschichte vom Zaun. Zehntausende Österreicher machen sich mitschuldig an den Verbrechen der Nazis.

Manche gehen in den Widerstand. Die einstmals blühende jüdische Gemeinde Wiens – fast 200’000 Menschen – wird so gut wie ausgelöscht.

Legende: Video Österreich gedenkt seiner Vergangenheit unter Hitler abspielen. Laufzeit 02:16 Minuten.
Aus Tagesschau vom 12.03.2018.

Ruck nach Links

Im Mai 1945 liegt das Land, wie halb Europa, in Trümmern. Wieder übernimmt eine grosse Koalition aus Sozialdemokraten und Konservativen die Regierung.

Die Führerinnen und Führer der beiden grossen politischen Lager sind gemeinsam im KZ gesessen – vor allem in Dachau. Sie sind entschlossen, Österreich im Geist der Zusammenarbeit wieder aufzubauen.

«Glaubt an dieses Österreich!»

Die Not im Land ist unbeschreiblich. «Ich kann euch zu Weihnachten nichts geben», sagt Bundeskanzler Leopold Figl 1945 zu seinen Landsleuten.

«Ich kann euch für den Christbaum – wenn ihr überhaupt einen habt – keine Kerzen geben. Kein Stück Brot, keine Kohle zum Heizen, kein Glas zum Einschneiden. Wir haben nichts. Ich kann euch nur bitten: Glaubt an dieses Österreich!»

Es ist eine der berühmtesten Radioansprachen der österreichischen Geschichte.

Unabhängig, neutral, frei

Nach zehnjähriger Besatzung ziehen die alliierten Soldaten aus Österreich ab. Anders als dem deutschen Nachbarn bleibt der kleinen «Alpenrepublik» die Teilung erspart.

Der Preis für die Unabhängigkeit? Österreich verpflichtet sich zur «immerwährenden Neutralität» nach Schweizer Muster.

Ein strahlender Leopold Figl verlässt 1955 das Bundeskanzleramt in Wien.
Legende: Nach der Unterzeichnung des Österreichischen Staatsvertrages: Ein strahlender Leopold Figl verlässt 1955 das Bundeskanzleramt in Wien. Imago / Zuma

In den Wirtschaftswunderjahren erlebt Österreich einen Aufschwung. Bei den Nationalratswahlen 1971 erobert der Sozialdemokrat Bruno Kreisky – Spross einer jüdischen Industriellenfamilie aus Wien – zum ersten Mal in der Geschichte des Landes eine absolute Mandatsmehrheit.

Sozialdemokrat Bruno Kreisky.
Legende: Volksnaher Staatsmann und brillanter Intellektueller: Sozialdemokrat Bruno Kreisky. Keystone / STR

«Die sozialistische Partei Österreichs hat den grössten Wahlsieg ihrer Geschichte errungen», sagt Kreisky.

Zwei Mal wiederholt Kreisky dieses Kunststück. Der volksnahe Staatsmann, ein brillanter Intellektueller und ausgefuchster Polit-Stratege, geht als roter «Sonnenkanzler» in die Geschichte Österreichs ein.

Rechter Polit-Rabauke

Dann mischt ein rechtspopulistischer Polit-Narziss die österreichische Innenpolitik auf. Jörg Haider, Sohn einer überzeugten NS-Familie, profiliert sich in den 1980er-Jahren mit markigen Sprüchen als eloquenter Polit-Rabauke.

Den französischen Präsidenten Jacques Chirac nennt Haider einen «Westentaschen-Napoleon des 21. Jahrhunderts». Über den österreichischen Sozialdemokraten Alfred Gusenbauer sagt er: «Der ist so begeistert vom Sowjet-Kommunismus, dass er sich das Essen mit Messer und Gabel abgewöhnt hat und mit Hammer und Sichel isst.»

Haider führt die rechtspopulistische FPÖ von Wahlerfolg zu Wahlerfolg.

Jörg Haider strahlt vor zwei seiner Parteikollegen.
Legende: Charismatisch und populistisch: Jörg Haider wird 2008 zum Parteivorsitzenden gewählt. Keystone / Lilli Strauss

Im Jahr 2000 führt Haider die FPÖ in eine Koalition mit der konservativen ÖVP. Rechtsradikale in der Regierung? Das sorgte damals europaweit für einen Sturm der Entrüstung.

Hunderttausende demonstrieren in Wien gegen die Regierung, die EU verhängt Sanktionen. Die Regierung hält sich dennoch sieben Jahre an der Macht, dann wird sie von einer neuerlichen Grossen Koalition abgelöst.

Im Oktober 2008 rast Jörg Haider mit seinem Dienstwagen als Kärntner Landeshauptmann – 1,8 Promille Alkohol im Blut – in den Tod.

Rechte in der Krise

Österreichs radikale Rechte ist zu dieser Zeit in einer schweren Krise. Nach einer Reihe von Wahlniederlagen führt der deutschnationale Burschenschafter Heinz-Christian Strache die FPÖ allmählich zu neuer Grösse zurück.

Legende: Video Vereidigung des österreichischen Bundeskanzlers abspielen. Laufzeit 04:10 Minuten.
Aus Tagesschau vom 18.12.2017.

Die Nationalratswahlen im Oktober 2017 bringen eine dramatische Veränderung der Mehrheitsverhältnisse: Der 31-jährige ÖVP-Politiker Sebastian Kurz führt die Konservativen zu einem glanzvollen Wahlsieg – und dann auch gleich in eine Koalition mit Straches FPÖ.

Heinz-Christian Strache (FPÖ) (l.) und Sebastian Kurz (ÖVP)
Legende: Österreich rückt nach rechts: Vizekanzler Heinz-Christian Strache (FPÖ; links) und Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP). Getty Images / Thomas Kronsteiner

Keine Proteste gegen rechts

Zusammen mit Sebastian Kurz übernehmen umstrittene FPÖ-Politiker wie Heinz-Christian Strache, Norbert Hofer oder Herbert Kickl wichtige Regierungsämter. Kickl etwa, ein scharfer Rechtspopulist, wird Innenminister und oberster Chef der österreichischen Polizei und ihrer Geheimdienste.

Im Gegensatz zum Jahr 2000 regten sich dagegen keine europäischen Proteste. Rechtspopulisten in wichtigen Regierungs-Positionen, das ist heute nicht aussergewöhnlich, sondern normal – in Österreich und anderen Ländern.

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