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100. Jahrestag des «Zyklons» Der Jura‑Tornado von 1926: die vergessene Katastrophe?

Der Jura-Wirbelsturm von 1926 war einer der schwersten Tornados in der Schweizer Geschichte. Er zerlegt Gebäude, fällt ganze Wälder – und fordert Menschenleben. Ein Jahrhundert nach der Katastrophe widmet sich eine Ausstellung der geschichtsträchtigen Tragödie.

Mehrere Männer stehen vor einem zerstörten Gebäude.
Legende: Nelly Gerber-Geiser, Stiftung Täufererbe

Am 12. Juni 1926 wirbelte ein Tornado auf einer Strecke von 23 Kilometern alles platt, das ihm im Weg stand. Keine halbe Stunde dauerte der Wirbelsturm: Er demolierte 246 Bauernhöfe schwer, schlug ungezählte Bäume zu Kleinholz, viele Kühe und Pferde liessen ihr Leben. Und auch ein achtjähriger Bub starb an den Folgen seiner Verletzungen durch umher schiessende Holzteile.

Schwarzweiss-Foto von umgestürzten Bäumen und beschädigten Gebäuden nach einem Sturm.
Legende: Zerstörerische Urgewalt: Der Tornado von 1926 zerriss ganze Bäume in La Chaux-d’Abel – Darstellung auf einer Postkarte aus dem gleichen Jahr. Nelly Gerber-Geiser, Stiftung Täufererbe

Die Menschen auf den Jurahöhen erinnern sich an diese Naturkatastrophe bis heute als «den Zyklon», respektive «Le Cyclone».

Was für ein Wirbelsturm war der «Zyklon»?

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Der «Zyklon» war nach heutiger Definition ein Tornado. Ein Zyklon ist ein tropischer Mega-Wirbelsturm. Tornados hingegen entstehen über dem Festland und dauern oft nur Minuten.

Der Wirbelsturm von 1926 fegte von Frankreich her über den Neuenburger und Berner Jura. Die schlimmsten Schäden richtete er in der Region La Chaux-de-Fonds und La Ferrière an. Mehrere hundert Dächer deckte der Jahrhundert-Tornado ab. Das Schweizer Sturmarchiv beziffert den Gesamtschaden auf 3 bis 4 Millionen Franken. Das wären heute rund 10 Millionen Schweizer Franken.

Beschädigtes Gebäude mit Trümmern und umgestürzten Bäumen nach einem Sturm.
Legende: Trümmer, Schutt, eingefallene Dächer: Eine Postkarte von 1926 zeigt einen zerstörten Bauernhof in La Chaux-d’Abel. Nelly Gerber-Geiser, Stiftung Täufererbe

Im jetzigen Naturschutzgebiet La Chaux-d’Abel waren die Höfe der Täuferfamilien besonders betroffen. Diese Glaubensflüchtlinge – vor allem aus dem Kanton Bern – sind dort seit Ende des 16. Jahrhunderts ansässig. Sie kultivierten das Land. Einige leben teils noch heute auf den Jurahöhen.

Erstaunlich gut dokumentiert

Zum 100. Jahrestag des «Zyklons» zeigt die Stiftung Täufererbe nun eine kleine Sonderausstellung im Täuferarchiv in Jeanguisboden, La Tanne.

Ausstellungshinweis

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Ein Ausstellungsraum mit Informationstafeln, Holztisch und Stühlen.
Legende: Judith Wipfler/SRF

Noch bis am 1. November 2026 zeigt Nelly Gerber-Geiser von der Stiftung Täufererbe die kleine Sonderausstellung zum «Zyklon» in Jeanguisboden.

Das Ereignis ist erstaunlich gut dokumentiert: Fotografien wurden als Postkarten verbreitet, Zeitungen in Frankreich und der Schweiz berichteten. Und es gibt sogar noch 50 Sekunden Filmaufnahmen davon. Sie zeigen das Ausmass der Zerstörung nur wenige Tage nach dem Sturm im Bewegtbild.

Offenbar gab es schon vor 100 Jahren Katastrophentourismus: Schaulustige kamen mit Autos und Kameras, um die verwüstete Region zu sehen.

Vier Personen in Mänteln stehen auf einer Lichtung mit umgestürzten Bäumen.
Legende: Der «Zyklon» im Jura» lockt und wird Sujet zeitgenössischer Darstellungen: Postkarte von 1926. Nelly Gerber-Geiser, Stiftung Täufererbe

Auch das Monatsblatt der Schweizer Täufer, «Der Zionspilger», berichtete über das Wetterereignis. Der Wirbelsturm brachte viele Täuferfamilien in Not. Es «zerreisse» den «Hausvätern das Herz», schreibt der Zionspilger, ihre Tiere tot und ihre Höfe ruiniert zu sehen. Der Zionspilger sammelte sogleich Spenden. Er rief zur «Liebesgabensammlung für die Wettergeschädigten im Jura» auf. Die christliche Solidarität funktionierte.

Zwei Männer stehen neben mehreren toten Kühen auf einem Feld.
Legende: Ein schwerer Schlag für die Bauernschaft: Auch dutzende Nutztiere fallen den Sturm zum Opfer. Collection Maeder & Studer, Biel

Ernst O. Loosli war damals noch ein Kind und der Sohn des damaligen Schulleiters Gottfried Loosli. Über den Tornado am Nachmittag des 12. Juni 1926 schreibt er 1989 in der «Mennonitica Helvetica», dem Jahrbuch des Schweizerischen Vereins für Täufergeschichte:

«Mein Vater überstand diese Unbill im Bienenhaus, (…). Mit Wärmekissen seiner Bienenvölker schützte er sein Gesicht vor herumfliegenden Glassplittern und Holzteilen. Meine Mutter erkannte die Gefahr auch. Mit mir an der Hand und mit meinem kaum halbjährigen Brüderchen Arthur auf dem Arm floh sie hinunter in den Gewölbekeller. Dort wartete sie mit Bangen und Hoffen auf das Abflauen des Sturmes und auf ein Lebenszeichen meines Vaters.»

Alte Häuser auf einem weitläufigen Feld, einige mit beschädigten Dächern.
Legende: 1926: Das Schulhaus von La Chaux-d’Abel (links) ist stark in Mitleidenschaft gezogen – ebenso die Täufer-Kapelle (rechts hinten). Stiftung Täufererbe

Loosli notiert auch, dass dank der Versicherungsgelder und Spenden aus der «grossartigen Hilfsaktion» der Täufergemeinschaft seine Schule bald wieder aufgebaut werden konnte. Diese sei nachher sogar besser ausgestattet gewesen als vor dem Tornado.

Radio SRF 1, Regionaljournal Bern, 12.6.2026, 6:30 Uhr

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