Das Ende der innerdeutschen Eiszeit

Mit ihrer Friedensarbeit haben die Kirchen in der DDR einen wesentlichen Beitrag zur friedlichen Revolution geleistet. Sie haben das politische Tauwetter mit vorbereitet. Der Friedensethiker Joachim Garstecki hat diesen Prozess hautnah miterlebt.

Zwei Menschen durch eine Wand aus Eis. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Das politische Tauwetter hat vor 1989 begonnen – auch dank der Kirchen. (Kunstinstallation «Work in Progress» von 2009.) Keystone

Herr Garstecki, welchen Beitrag haben die Kirchen zur Wende geleistet?

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Joachim Garstecki

Der katholische Theologe und Friedensethiker Joachim Garstecki war von 1971 bis 1990 Referent für Friedensfragen beim Bund der Evangelischen Kirchen in der DDR. Von 1991 bis 2000 war er Generalsekretär der katholischen Friedensbewegung Pax Christi. Heute lebt er in Magdeburg.

Die Kirchen haben einen grossen Beitrag geleistet, vor allem die evangelischen Kirchen. Sie haben Anfang der 1970er-Jahre mit einer organisierten Friedensarbeit im Bund der evangelischen Kirchen in der DDR begonnen. Im Mittelpunkt dieser Friedensarbeit stand die Frage nach gewaltfreien Methoden und Mitteln der Konfliktlösung. Das hat sich in den Tagen der friedlichen Revolution bewährt.

Inwiefern?

Wenn man im stürmischen Herbst 1989 in der einen Hand die Kerze hielt und mit der anderen Hand das Licht der Kerze zu schützen hatte, dann hatte man keine Hand frei, um einen Stein aufzuheben und Gewalt auszuüben. Die Gewaltfreiheit hat die SED, die kommunistische Partei in der DDR ratlos gemacht.

Portrait Joachim Garstecki Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die friedliche Revolution begann nicht erst 1989, das hatte einen Vorlauf seit den 70er-Jahren. Joachim Garstecki

Sie sagen, die Wende habe als christliche Friedensbewegung begonnen. Ist das nicht übertrieben?

Die Kirchen haben insofern einen grossen Anteil, als sie ihre Räume für Friedensgebete geöffnet haben. In Magdeburg waren es «Gebete für die gesellschaftliche Erneuerung unseres Landes». In der Regel gingen die Leute aus diesen Friedensgebeten auf die Strasse zu Demonstrationen. Die Kirchen hatten im Herbst 1989 eine grosse gesellschaftliche Akzeptanz. Selbstverständlich ist das, was wir heute Wende nennen nicht allein durch die Kirchen befördert worden. Es hatte sich ein kritisches gesellschaftliches Potential aufgestaut.

Sie haben im Mai 1989 an der Europäischen Ökumenischen Versammlung «Frieden in Gerechtigkeit» in Basel teilgenommen. Haben sich die Veränderungen damals bereits abgezeichnet?

Garstecki im «Club», vier Monate vor Mauerfall am 16.5.1989

7:55 min, vom 7.11.2014

In Basel haben wir den Hauch der Veränderung schon sehr deutlich gespürt.

Wollten Sie davor nie ausreisen?

Nein. Ich war in der DDR sozialisiert, hatte eine starke Verwurzelung in der Kirche, hatte dort Theologie studiert und vor allem war ich seit 1966 glücklich verheiratet. Wir haben drei Kinder, die heute erwachsen sind. Ich lebe mit meiner Frau immer noch glücklich zusammen.

Wir waren der Meinung, dass man Christ, auch katholischer Christ auch unter den Bedingungen der DDR sein kann, in kritischer Auseinandersetzung mit dem System.

Haben sich Ihre Hoffnungen aus heutiger Sicht erfüllt?

Sie haben sich in einem wichtigen Teil erfüllt. Wir sind aus dem gebückten in den aufrechten Gang übergegangen. Wir haben die Freiheit der Rede, der Versammlung und des Reisens gespürt. Wir sind Teil eines demokratischen Systems. Das kannten wir vorher nur vom Hörensagen.

Was ist auf der Strecke geblieben?

Ein Stück weit die grosse Solidarität, die gerade die Christen und Kirchen in der DDR geprägt haben. Der äussere Druck gegen die Kirchen und gegen die Christen ist weggefallen, der hatte uns zusammengeschweisst.

Heute befürworten Sie Waffenlieferungen gegen den Islamischen Staat IS. Wo bleibt das Friedensengagement?

Es gilt die vorrangige Option für die Gewaltfreiheit. Wenn gewaltfreie Mechanismen versagen, wie jetzt im Irak oder in Syrien, dann können als letzte Möglichkeit Gewaltmittel eingesetzt werden. Dies geschieht, um schutzlose Menschen vor Gewalt zu schützen. Dies ist ein alter Grundsatz der christlichen Sozialethik.

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