Zum Inhalt springen

Header

Zur Übersicht von Play SRF Audio-Übersicht

Abreissen oder erhalten? Zündstoff Denkmalpflege: Weniger Schutz ist auch keine Lösung

Der Verein Schweizer Heimatschutz warnt: Ein anhaltender Bauboom lässt Baudenkmäler verschwinden. Abreissen, umnutzen und bewahren – der Denkmalschutz ist kompliziert und konfliktgeladen. Vier Learnings aus den Tiefen der Schweizer Denkmalpflege.

Die Schweiz auf Abriss

Verschont von Kriegen und Tsunamis schreibt der Schweizer Baubestand jahrhundertealte Geschichte. Ein wertvolles Gut. Eine Recherche von Correctiv zeigt jedoch, dass derzeit vor allem 50 bis 60 Jahre alte Häuser abgerissen werden. Es passiert nicht selten, dass Eigentümerinnen und Eigentümer absichtlich ein schützenswertes Gebäude verlottern lassen, um es dann abzureissen. Denn Wohnraum ist gefragt und Neubau ein lukratives Geschäft. Lebensraum und Denkmalschutz sollten sich nicht beissen, sagt Yllza Fejza vom Schweizer Heimatschutz, einem Traditionsverein, der sich für den Erhalt von Kulturgütern und Landschaften einsetzt. «Wir stehen neuen Wohnungen nicht im Weg. Unsere Aufgabe ist es aber auch, für wertvollen historischen Bestand zu sensibilisieren.» Gescheit ist ein Mittelweg: Denkmäler bewahren und bewohnbar machen.

Schweizerinnen und Schweizer lieben ihre Baudenkmäler

Das Berner Münster, Appenzeller Bauernhäuser oder die Kapellbrücke in Luzern sind Wahrzeichen Schweizer Bautradition. Sie stiften Identität und geben Orientierung. Als die Kapellbrücke 1993 lichterloh brannte, war schnell klar: Sie wird wieder aufgebaut, koste es, was es wolle. Ein wichtiger Trost. Der grossen Baukunst sind sich viele bewusst. Weniger denkmalwürdig erscheinen etwa Kraftwerke, ländliche Steinhäuser oder Siedlungen. Hier gibt es Erweiterungspotenzial in der Denkmalliebe, denn auch moderne Gebäude sind wichtige historische Zeitzeugen.

Historische Holzbrücke und Boot auf ruhigem Gewässer mit Bergen im Hintergrund.
Legende: Die älteste Holzbrücke Europas in Luzern brannte im Jahr 1993 nieder. Bilder brennender Holzbalken und weinender Menschen bewegten die Gemüter. Die Brücke wurde umgehend wieder aufgebaut und bereits 1994 wieder eingeweiht. Keystone

Kantone machen, wie sie wollen

Denkmalpflege ist Kantonssache. Das heisst, es gibt 26 Denkmalschutzgesetze, 26 Denkmalinventare und 26 Arten, diese Inventare zu führen. Und als ob das nicht genug der Unterschiede wäre, heisst auch die beratende Fachkommission je nach Kanton anders. Im Zürcher Oberland ist es die Stadtbildkommission, in Uri die Natur- und Heimatschutzkommission. Architektinnen, Stadtplaner und Gärtner prüfen für sie den Denkmalwert von Gebäuden. Nur: Als Bewertungsgrundlage dienen Leitsätze des Bundes und die sind – in ihren recht losen Formulierungen – Auslegungssache. Das bringt vor allem Eigentümerinnen und Eigentümer auf die Palme, denn der Prozess, ob ein Wohnhaus Denkmal wird oder nicht, ist undurchsichtig und langatmig. Etwas mehr Flexibilität, einheitliche Gesetze und Begriffe und vor allem Vernetzung wären sinnvoll, für mehr Durchblick und Verständnis.

Ein Gebäude inmitten eines Dorfes ist mit einem Gerüst für Renovierungsarbeiten umgeben.
Legende: Der Palazzo Tondü im Tessiner Bergdorf Lionza, hoch oben im Centovalli, wartet nur darauf, wieder mit Leben gefüllt zu werden. Aktuell wird der einstige Prachtbau von Freiwilligen zu einem Hotel und Kulturzentrum umgebaut. SRF

Wird die Vergangenheit überbewertet?

«Baudenkmäler sind Zeugen unserer Vergangenheit», so beschreibt die Professorin für Kulturerbe, Nina Mekacher, den Sinn und Zweck von Denkmälern. Und sie sagt: Dieses Verständnis ist ziemlich überholt. Kunsthistorikerinnen und Architekten könnten zwar einen wichtigen historischen Wert aufzeigen, doch das gehe oft an der Realität der Menschen vorbei, die ein denkmalgeschütztes Haus renovieren wollen. Denn sie wollen auch darin leben. Das heisst: sinnvoll isolieren, modern und vielleicht altersgerecht ausbauen. Das verträgt sich oft nicht mit der Überzeugung, dass das Haus genauso aussehen sollte wie früher. Überlegungen seien das, die heute noch viel zu wenig in den Fachdiskurs einbezogen werden, meint Mekacher. Wer Menschen für denkmalwürdige Häuser gewinnen will, muss sie stärker beteiligen.

SRF 1, Kulturplatz, 10.6.2026, 22:25 Uhr

Meistgelesene Artikel