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Baukulturerbe und Minderheiten Denkmalschutz für Skate-Spots? Ein neuer Blick aufs Kulturerbe

Denkmalpflege betrifft uns alle. Das zeigt ein Projekt und Buch unter Federführung der ETH-Professorin Silke Langenberg. Mit der Frage: «Eine Zukunft für wessen Vergangenheit?» soll der Blick auf das kulturelle Erbe von Minderheiten, Randgruppen und Menschen ohne Lobby gelenkt werden.

Silke Langenberg

Denkmaltheoretikerin und Architektin

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Dr. Silke Langenberg ist ordentliche Professorin für Konstruktionserbe und Denkmalpflege an der ETH Zürich. Sie widmet sich theoretischen und praktischen Herausforderungen der Inventarisierung, Würdigung und Erhaltung von Denkmälern sowie jüngeren Gebäuden und Beständen. Sie ist zudem Leiterin der Icomos Suisse Arbeitsgruppe «Denkmalschutzjahr 2025».

SRF: Frau Langenberg, was würden Sie gerne als kulturelles Erbe bewahren?

Silke Langenberg: Nachbarschaften, die gewachsen sind. Ich lebe in Zürich und sehe viel Verdrängung. Das bedauere ich sehr. Ich würde gerne angestammte Nutzungen, aber auch Menschen, die ein Quartier prägen, dort halten.

Bei traditionell gewachsenen Quartieren würden wir vom immateriellen Erbe sprechen. Welche wichtigen Perspektiven kann der Fokus auf immaterielles Erbe in der Denkmalpflege zeigen?

Materielle Objekte wie alte Häuser oder Kirchen können wir als Baudenkmäler schützen. Im Projekt haben wir uns auf physische Objekte konzentriert, die gleichzeitig einen hohen immateriellen Wert besitzen.

In der Denkmalpflege diskutieren wir alle Bedeutungsebenen.

Wir haben uns zum Beispiel eine Rheinbrücke angeschaut, die Koblenz (CH) mit Waldshut (DE) verbindet und wegen ihrer Konstruktion geschützt ist. Sie war aber auch ein wichtiger Fluchtweg für Menschen. Diese Erfahrungen können auch sichtbar gemacht werden.

Sie sind Initiantin des Projekts «Eine Zukunft für wessen Vergangenheit?». Anlässlich des 50-jährigen Jubiläums des Denkmalschutzjahrs wurde das Motto von 1975 «Eine Zukunft für unsere Vergangenheit» leicht verändert. Was bewirkt das Wort «wessen»?

Es lenkt den Blick auf die Frage, wer Teil einer Mehrheitsgesellschaft ist und wer vielleicht nicht. Es geht um Zugehörigkeit. Wir fragen bewusst nach persönlichen Geschichten; nach den Objekten, die für diese Geschichten wichtig sind.

Objekte können einen baukünstlerischen, historischen, städtebaulichen oder sozialgeschichtlichen Wert haben. In der Denkmalpflege diskutieren wir alle Bedeutungsebenen. Es ist wichtig, dass sich die Menschen angesprochen fühlen.

Wird in der Schweiz das Erbe von Minderheiten bereits geschützt?

Ja, in der Schweiz sind bereits viele für Randgruppen wichtige Objekte im Inventar erfasst, allerdings sind die Gründe für ihren Erhalt noch oft andere. Auch die Leitsätze zur Denkmalpflege verweisen bereits auf das Erbe von Minderheiten.

In der Publikation sind unterschiedlichste Geschichten versammelt. Solche von Saisonniers, die in Baracken lebten, die erst spät als schützenswerte Objekte ins Licht rückten. Es gibt aber auch einen Beitrag über Erinnerungsorte der Zürcher Frauengeschichte. Frauen sind keine Minderheit.

Trotzdem sind sie eine Gruppierung, die vielleicht eine schlechtere Lobby hat als andere. Wir sind auch mit Skatern in Kontakt gekommen, die vorher gar nicht darüber nachgedacht haben, dass die Denkmalpflege ihren Skate-Spot schützen könnte. Es ist schön, dass durch unser Projekt ein neues, jüngeres Netzwerk entstanden ist.

Welche neuen Denkansätze und Praxen braucht es, damit Denkmalpflege inklusiver wird?

Mit Stadtführungen, Ausstellungen, Publikationen erreicht man sicher einen Teil der Bevölkerung. Wir haben etwa mit dem Strassenmagazin «Surprise» zusammengearbeitet. Die Institutionen müssen diverser werden, wobei sich das bereits verändert.

Dann braucht es natürlich partizipative Verfahren, in denen sich die Bevölkerung direkt einbringen kann. Schön wären auch Bildungsangebote an Schulen, denn darüber könnte man die kommende Generation für die Bedeutung des gebauten Erbes sensibilisieren.

Das Gespräch führte Hannah Krug.

Buchhinweis

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Icomos Suisse, ETH Zürich, Konstruktionserbe und Denkmalpflege: «A future for whose past? A Guidebook», Hier und Jetzt, 2025.

Radio SRF 2 Kultur, Kulturplatz-Talk, 11.3.2026, 9:03 Uhr

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