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Akkordeonfestival in den USA «Oh Gott, bin ich hier richtig?»

Von Jazz über Klassik bis zu Heavy Metal: In Kalifornien zeigen Akkordeonisten, dass sie nicht nur Polka spielen können.

Ein am Boden liegender Mann mit nacktem Oberkörper spielt Akkordeon
Legende: Am Akkordeonfestival zeigen die Musiker vollen Einsatz und holen alles heraus aus ihren Instrumenten. Arndt Peltner

Als die Finnin Netta Skog am Morgen auf dem Gelände des Akkordeonfestivals in Cotati ankam und das zumeist ältere Publikum sah, dachte sie schon, sie sei im falschen Film. «Ich habe mit einem Freund gesprochen und gefragt ‹Oh Gott, bin ich hier richtig?› Und er meinte, ja klar, es werde grossartig», sagt sie mit einem herzhaften Lachen.

Harte Töne vom Digitalakkordeon

Netta Skog spielt Digitalakkordeon, und zwar fast ausschliesslich die härteren Töne des Heavy Metal. Im Gegensatz zu ihr nimmt der deutsche Musiker Matthias Matzke schon zum zweiten Mal am Akkordeonfestival teil.

Eine Frau mit Akkordeon singt in eine Mikrophon
Legende: Die finnische Akkordeonistin Netta Skog spielt fast ausschliesslich Heavy Metal. Arndt Peltner

Über dem La-Plaza-Park von Cotati im Sonoma County, 70 Kilometer nördlich von San Francisco, weht an diesem heissen Wochenende ein Hauch von Woodstock. Viele, die vor 50 Jahren in San Franciscos Stadtteil Haight-Ashbury und im Golden Gate Park den Zeitenwandel in den USA feierten, leben heute in dieser Gegend.

Peace, Love, Happiness – und Akkordeonmusik

Das Festivalpublikum ist drum meist etwas älter, mit langen grauen Haare und teils bunt gefärbten Batik-Shirts und Birkenstock-Sandalen. Es gibt viele Umarmungen. Getanzt und mitgewogen wird zu jeder Musik – ob Polka, Tango oder Heavy Metal.

Nur die Marihuana-Wolke fehlt: Es herrscht strenges Rauchverbot. Aber beim Akkordeonfestival von Cotati ist das auch gar nicht nötig, um die Quetsche, die Konzertina, das Schifferklavier ausgiebig und in allen Facetten zu feiern.

Die diesjährige 28. Ausgabe des Akkordeonfestivals läuft unter dem Motto «2 Days of Peace & Music».

Veranstalter Scott Goree, ein etwas 70-jähriger ehemaliger Barbesitzer, erklärt, das Ziel des Festivals sei, die vielen Seiten dieses Instruments hervorzuheben: «Das Festival wurde als Multikultur-Event gegründet – mit der Absicht, die verschiedensten Gruppen und Genres zusammenzubringen. Sie sollen aufeinandertreffen, sich sehen, ihre Ideen und Erfahrungen dahingehend austauschen, wie das Akkordeon in den verschiedenen Kulturen eingesetzt wird.»

Ein Instrument, das Kulturen verbindet

Und gerade das macht das Festival aus. Hier treffen die Kulturen und die Musik der vielen Einwanderer aufeinander. Zu hören ist alles – von traditioneller Polka über Jazz, Country, Rock und Heavy Metal bis Klassik.

Gespielt wird Musik aus Italien, Deutschland, Finnland, Mexiko, Polen – die internationale Sprache des Akkordeons scheint grenzenlos zu sein.

So kamen an diesem Wochenende rund 5000 Akkordeonfans nach Downtown Cotati, um das Akkordeon als Bindeglied zwischen den Kulturen zu feiern.

Auf Strohballen und Campingstühlen lauscht man begeistert den Musikerinnen und Musikern, die auf drei Bühnen alles aus dem Akkordeon herausholen, was nur geht.

Menschen auf Campingstühlen sitzen in einem Park und wenden sich einer Bühne zu
Legende: Über dem Akkordeonfestival im kalifornischen Cotati weht ein Hauch von Woodstock. Arndt Peltner

Im Polka-Tanzzelt spielt eine Kapelle auf und lädt mit «Rosamunde» und anderen deutschen Volksfestklassikern zum Tanzen ein. Im Zelt des «Golden Gate Accordion Clubs» jammen vor allem ältere Musiker gemeinsam.

Das alljährliche Musikfest ist zu einem Happening mit grosser Anziehungskraft geworden. Nur noch 50 Prozent der Besucher kommen aus Sonoma. Viele der musikalischen Gäste sind aus anderen Landesteilen oder sogar aus Übersee angereist.

Der erst 25-jährige Matthias Matzke aus Trossingen in Baden-Württemberg ist nicht der erste deutsche Akkordeonist, den es in den vergangenen Jahren nach Cotati gezogen hat.

Ein Akkordeonist und eine Sängerin auf der Bühne
Legende: Der deutsche Akkordeonist Matthias Matzke und Sopranistin Leonie Kratz präsentieren klassische Stücke und Volkslieder. Arndt Peltner

Matzke sucht zwischen den Songs das Gespräch mit dem Publikum. Er erklärt, was er auf seinem Digitalakkordeon macht und was es mit den eingespielten Loops auf sich hat.

Von Mozart über Heavy Metal bis zum Volkslied

Mit seiner Freundin, der Sopranistin Leonie Kratz, präsentierte ein Stück von Mozart und das alte deutsche Volkslied «Am Brunnen vor dem Tore».

Für Matthias Matzke gehört dieser musikalische Brückenschlag fest zum Festival dazu: «Man muss sagen, es ist grösstenteils ein älteres Publikum, dennoch erlauben die sich hier immer wieder ein paar musikalische Ausreisser. Sie erlauben sich frischen Wind reinzubringen, was ich grandios finde, denn das Akkordeon muss einfach in seiner Gesamtheit verstanden werden.»

Und so wird Matthias Matzke mit Mozart genauso gefeiert wie Netta Skog mit ihrem Heavy-Metal-Sound und die vielen anderen, die an diesem Wochenende das Akkordeon zelebrieren.

Veranstalter Scott Goree verwundert das ganz und gar nicht. Lachend meint er: «Ich höre immer wieder von Leuten: ‹Ich kann gar nicht glauben, wie viel Spass ich hier hatte.› Und ich sage ihnen dann immer: ‹Weisst du eigentlich, was du mir da sagst? Du sagst mir, du hast erwartet, keinen Spass zu haben.›»

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