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Gegen die Abfallberge: Upcycling im Bauwesen
Aus Kultur-Aktualität vom 11.03.2020.
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Architektur und Recycling Unser Häuserbau macht zu viel Müll

Das Buch «Upcycling» ruft die Architekturwelt zum Umdenken auf. Statt Neuproduktion müsste sie Materialien und Bauelemente wiederverwerten. Was neu klingt, ist ein uraltes Bau-Prinzip.

Die Bauwirtschaft ist nicht nur Haupttreiber beim Materialverbrauch. Sie produziert auch enorme Bauschuttberge. 40 Prozent des weltweit anfallenden Mülls stammt aus der Bauwirtschaft.

Wenn Daniel Stockhammer, Assistenzprofessor an der Universität Liechtenstein, daran denkt, dass sich der Baubestand bis 2050 weltweit verdoppeln wird, verdüstert sich sein Gesicht.

«Man muss kein Ideologe sein, um festzustellen, dass wir auch im Bauen zirkulär werden müssen», sagt Stockhammer. Und präzisiert: «Ein Gebäude darf in Zukunft nicht mehr Alltagsgegenstand sein, den man nach 30 oder 40 Jahren wegwirft.»

Ein Gebäude vom Ende her denken

Für Stockhammer müsste jedes Gebäude idealerweise ein Materiallager sein. Wenn das Haus obsolet werden sollte, dienen die Fenster, Stahlträger, Fassadenteile, Isolationsmaterialien oder Ziegelwände als Baumaterial für neue Bauten.

«Ein Neubau muss immer vom Ende her gedacht werden», erklärt Daniel Stockhammer, «das heisst vom Abfall.» Je weniger Abfall und je mehr wiederverwertbares Material, desto besser.

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Aus dem Archiv: Freude am Recycling-Haus
Aus Schweiz aktuell vom 14.05.2010.
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Gewerbegebäude aus geretteten Bauteilen

Der chinesische Architekt und Pritzker-Preisträger Wang Shu hat vorgemacht, wie das geht: In Hangzhou hat er die Hochschule der Künste aus Baumaterial von zerstörten Häusern gebaut.

In Winterthur baut die Basler Architektin Barbara Buser zurzeit ein Gewerbe- und Ateliergebäude mit alten Bauteilen, die sie in Basel, Zürich und Uster gerettet hat.

Busers Rechnung zeigt, dass sie mit der Wiederverwendung von Bauteilen im Vergleich zur Standardbauweise mit Betonwänden und Wärmedämmverbundsystemen rund 80 Prozent der grauen Energie einspart.

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Aus dem Archiv: Der Pionier der grünen Architektur
Aus Sternstunde Kunst vom 05.05.2016.
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Ressourcenschonendes Bauprinzip

Stockhammer und sein Autorenteam plädieren im Buch «Upcycling» für die Wiederverwendung von Baumaterialien und Bauteilen und demonstrieren das Potenzial anhand von Beispielen.

Sie weisen darauf hin, dass dieses ressourcenschonende Bauprinzip bereits in der Antike gang und gäbe war. Später, im frühchristlichen Kirchenbau, bestimmte die Grösse der absichtlich wiederverwendeten Bauteile sogar den Entwurf der Pläne.

Mit diesem Rückblick wird auch deutlich, dass damit nicht nur Material weiter- und wiederverwendet wurde, sondern dass ebenso die Weitergabe von handwerklichem und stilistischem Wissen garantiert war.

Buchhinweis

Buchhinweis
Legende:Triest Verlag

«Upcycling. Wieder- und Weiterverwendung als Gestaltungsprinzip in der Architektur», hrsg. von Daniel Stockhammer. Triest Verlag, 2020.

«Die Beschäftigung mit dem Bestand – dazu zählen Gebäude wie Gebäudeteile – ist kein nostalgischer Blick zurück, sondern der Weg zu neuen Ideen und Entwurfsansätzen», schreibt Daniel Stockhammer.

Buchumschlag aus alten Büchern und Bettlaken

Während sich das Autorenteam um die lesenswerten Inhalte gekümmert hat, hat die Buchgestalterin Annett Höland einen passenden Buchumschlag erfunden.

Sie hat die Autorinnen und Autoren die Bücherregale entrümpelt lassen. Aus den nicht mehr gebrauchten Büchern und den Bauwollfasern alter Leintücher wurde ein handgeschöpftes Papier, das angenehm in der Hand liegt.

Radio SRF 2 Kultur, Kultur Aktualität, 11.03.20, 8:20 Uhr

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5 Kommentare

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  • Kommentar von Lukas Streit  (Oraetlabora)
    Die eingebundene Doku, „Der Pionier der Grünen Architektur" ist extrem widersprüchlich. Sitzt Architekt Ingenhoven im Park seines Palastes und erzählt etwas über verdichtete Bauweise... Ist Ingenhoven nicht ein weiterer Liebeskind, der seine Grossprojekte mit pseudo-ökologischen Argumenten verkauft? Ja eine doppelte Glasfassade ist gut für ein angenehmes Raumklima, damit ist aber noch nicht klimafreundlich gebaut...
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  • Kommentar von Bernd Kulawik  (Bernd K.)
    Der Schweizer Architekt Fritz Haller, Designer des Möbelsystems USM-Haller (1965), hat bereits in den 1960er Jahren gesagt "Der Neubau eines Hauses ist nur ein Sonderfall des Umbaus", und entsprechend wandelfähige Gebäude gefordert – und gebaut. Es ist offensichtlich sinnvoller, ein bestehendes Gebäude umzunutzen, als es abzureissen und nur das Material wiederzuverwenden. Aber so etwas lernt man heute wohl nicht mehr…?! Verzicht auf unnachhaltigen Stahlbeton wäre dabei heute oberstes Gebot.
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    1. Antwort von Jos Schmid  (Jos Schmid)
      Fritz Hallers Gebäude sind sehr schön aber energietechnisch leider kein Vorbild. Wir haben heute die technischen Lösungen, um Häuser zu bauen, welche Energie produzieren, anstatt sie zu verbrauchen. Es ist mir ein Rätsel, weshalb noch andere Gebäude gebaut werden dürfen. Da ist die Politik gefordert.
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    2. Antwort von Kevin Schuler  (keves)
      @Jos Schmid, da muss ich aber intervenieren: im Podcast wird ja genau das problematische Recycling von bspw. Solarpanels angesprochen. Umweltverträglichkeit richtig geplant wird zu einem nationalen/globalen Thema. Ob nun hunderdtausende teils standort-ineffiziente Solaranlagen im kompletten Lifecycle umweltfreundlicher sind als ein eher zentralisiertes, äusserst effizientes System, wage ich zu bezweifeln!
      Und btw: Energieüberschüsse lösen noch lange nicht das hier diskutierte Bauschuttproblem..
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  • Kommentar von antigone kunz  (antigonekunz)
    Ergänzend und zukunftsweisend:
    Thomas Rau mit der Idee, eine 'Bibliothek' zu schaffen wo Materialien in einem Madaster von Kataster abgeleitet erfasst, dokumentiert und archiviert werden. Material matters. Materiel erhält ein nachverfolgbare und auffindbare Identiät.... Wo jedes Gebäude ein Materiallager für zukünftige Bauten wird.
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