Auch Mitteleuropäer müssen jetzt lernen, Gestrandeten zu helfen

Flüchtlinge stranden mitten in Europa. Mit einem Mal sind Mitteleuropäer gehalten, das zu tun, was die Menschen am Mittelmeer schon lange machen: helfen.

Ein Mann steht am Meer, am Hintergrund laufen zwei Frauen am Strand. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Das Mittelmeer kann nicht als Grenze verstanden werden. Das lernen jetzt auch Mitteleuropäer. Keystone

Sonntagmorgen, Besuch einer Ausstellung im Kunstmuseum Lausanne. Im barocken, etwas pompösen Palais de Rumine.

Man tritt aus dem Aufzug, stellt sich auf die Ausstellung ein und sieht sich einem unerwarteten Bild gegenüber: Im Korridor sitzen junge Männer, mehr als zwanzig, auf Bänken und am Boden. Einige sprechen leise in ihre Smartphones, andere tippen hektisch Meldungen, als hätten sie keine Zeit zu verlieren. Es sind Flüchtlinge aus Eritrea.

Sie haben Gastrecht hier, ist später zu erfahren. Sie dürfen das WLAN der Bibliothek gratis nutzen, um zuhause zu melden, dass sie in Sicherheit sind, dass es ihnen gut geht. Dass sie bald Arbeit kriegen werden, hoffentlich. Sie sagen, dass sie sich im Museum sicher fühlen.

«Sur le Pont» schlägt Brücken

Samstagnachmittag in Basel, auf dem Areal der Aktienmühle, ein Kulturzentrum am Rande der Stadt: Die Gruppe «Sur le Pont» ist ein Zusammenschluss von jungen Studierenden. Sie hat einen Kunst- und Spielnachmittag für die Flüchtlinge im Aufnahmezentrum organisiert. Kinder, die miteinander radebrechen, haben Pinsel und Farbe in der Hand.

Es wird musiziert. Über die Tische hinweg entspinnen sich Gespräche. Männer, erzählen, wie sie geflüchtet sind. Die Frauen, am Rande, sind noch schüchtern.

Marcel Gross, einer der Initianten von «Sur le Pont», erzählt, seiner Gruppe gehe es darum, durch gegenseitiges Verständnis «kulturelle Brücken» zwischen Einheimischen und Flüchtlingen zu bauen.

Überall werden Zeichen gesetzt

Ein Museum, das seine Tore öffnet, ein Spielnachmittag für Flüchtlinge. Das sind zwei Beispiele, die mehr sind als eine Geste. Sie sind Zeichen der Solidarität und der Gastfreundschaft, wie sie mittlerweile auch Politiker in ganz Europa fordern.

In Calais helfen Menschen unermüdlich im Camp «New Jungle». Sie sichern das Überleben der Gestrandeten. In Mailand gibt es Unterstützung für die Flüchtlinge am Bahnhof. In Passau helfen Bürgerinititativen den Ankommenden. In der Schweiz ist das Spendenaufkommen riesig, sagt der Direktor der Caritas, Hugo Fasel. Als hätte man mitten in Europa mit einem Mal eine mediterrane Tugend erlernt – die Tugend der Gastfreundschaft.

Diese Tugend hält Giusi Nicolini, die Bürgermeisterin von Lampedusa, hoch. Sie fordert zur Mitmenschlichkeit auf, gerade auch, weil sehr viele Flüchtlinge auf ihrer Insel stranden.

Das Mittelmeer ist keine Grenze

Es ist die Haltung vieler Menschen an den Küsten Siziliens, die spontan helfen, oder die Einstellung der Menschen in Tarifa, ganz im Süden Spaniens, die seit vielen Jahren helfen, wenn Menschen über den Estrecho kommen.

Jetzt sind auch andere gefordert, die im Norden. Sie lernen, dass der Raum des Mittelmeers, aller Abwehrdispositive zum Trotz, nicht als Grenze verstanden werden kann. Mit einem Mal gehören sie zu einem Raum, der seit Jahrtausenden ein grosser Raum der Wanderungen war und ist.

Die Menschen kennenlernen

Wer sich nicht abschottet, lernt dazu. Erfährt, dass der Mann aus Äthiopien, der im Flüchtlingscamp «New Jungle» bei Calais fiebernd und krank seine Geschichte erzählt, ein hoch qualifizierter Informatiker ist.

Die Frau im Flüchtlingsheim, die gerade den Abwasch macht, hat ein Diplom in Pharmazie der Universität Damaskus in der Tasche. Ein Flüchtling aus dem Sudan erläutert, dass die Ölkonzerne in seinem Land einen Anteil am Bürgerkrieg haben.

Wissen wandert und wächst

Im Raum des Mittelmeers haben mit den Menschen immer auch neue Fertigkeiten zirkuliert, neues Wissen, neue Gedanken. Wir wissen, dass die europäische Medizin nichts wäre ohne die arabischen Gelehrten, die ab dem 12. Jahrhundert an den italienischen Universitäten lehrten.

Die türkische Industrie und Wissenschaft wäre nichts ohne die sephardischen Juden, die Ende des 15. Jahrhunderts von den katholischen Königen aus Spanien vertrieben wurden.

Zusammengehören den Differenzen zum Trotz

Mag sein, dass die Angst vor den einfallenden Almoraviden noch die eine oder andere Fantasie der Ängstlichen beflügelt. Gut möglich, dass mancher Politiker in seinen Reden die Kreuzzüge herbeifantasiert.

Im Mittelmeerraum gibt es, nebst all den Kriegen und Vertreibungen, allerdings auch eine Praxis der Zusammengehörigkeit über Differenzen hinweg. Sie findet, wie der französische Historiker Fernand Braudel formulierte, als eine Praxis des Alltags statt. Bis weit ins Innere der Länder hinein. Vielleicht ist sie daran, auch bei uns anzukommen.

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