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Kulturgeschichte des Sports Auto-Polo und Fischschlucken: So sportlich waren unsere Vorfahren

Die «Enzyklopädie der vergessenen Sportarten» des Briten Edward Brooke-Hitching erweckt Formen der Leibesertüchtigung von einst zu neuem Leben. Das Buch gibt Einblicke in die irrwitzige Kulturgeschichte des Sports. Zur Nachahmung empfehlen sich die Sportarten allerdings nicht.

Kämpfe in einer Arena, bei denen ein Mann gegen eine Frau antritt – im Spätmittelalter war dies keine Seltenheit. Unfair? Keine Spur. Der Mann musste in einer Grube stehen, um seinen körperlichen Vorteil zu kompensieren.

Ehetherapie mal anders

Oft seien es Eheleute gewesen, die auf diese Weise gegeneinander antraten, heisst es in der Enzyklopädie von Edward Brooke-Hitching. Historische Tafeln belegen, dass sich die beiden nicht schonten. Man schlug sich, bis Blut floss.

Bei diesen Kämpfen zwischen den Geschlechtern habe es sich oft um das letzte Mittel gehandelt, Ehestreitigkeiten zu klären, wenn alle juristischen Möglichkeiten ausgeschöpft waren.

Zerstreuung mit Risiko

In seinem Buch präsentiert Brooke-Hitching in alphabetischer Reihenfolge von A wie «Aalziehen» bis Z wie «Zentrifugalkegeln» den Erfindungsgeist unserer Vorfahren. Er weist dabei nach, dass so Tollkühnes wie Bungee Jumping oder Skydiving keineswegs ausschliesslich Auswüchse der vergnügungssüchtigen Gegenwart sind.

Vielmehr gab es Ähnliches bereits in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts. Etwa lebensverachtende Betätigungen wie das Wasserfallreiten: Man steigt in ein Holzfass, lässt es von Helfern verschliessen und oberhalb eines Wasserfalls in den Fluss werfen.

Menschliches Feuerwerk

Einige wagten laut Enzyklopädie gar den Ritt die Niagara Fälle hinunter – und wurden dadurch zu Lokalhelden oder landeten auf dem Friedhof, sofern man ihre Leichen je fand.

Nicht minder wahnwitzig war das so genannte Feuerwerksboxen: Zwei Männer traten in speziellen Asbestanzügen gegeneinander zum Boxkampf an. An den Anzügen waren Feuerwerkskörper befestigt, die man entzündete.

Während des Kampfs knallte, brannte, zischte und donnerte es pausenlos. Funken sprangen in alle Richtungen – zum Gaudi des Publikums, etwas weniger für die Athleten: Für die wurde es furchtbar heiss, das Gehör litt und die Verletzungsgefahr war enorm.

Lustiges und Abstossendes

Viele der früheren Sportarten sind auch aus heutiger Sicht schlicht zum Brüllen: Auto-Polo, Eis-Tennis, Trompeten-Wettblasen. Da wäre man auch heute gerne dabei.

Etwas weniger wohl ist uns bei den scheinbar zahllosen Amüsements, die sich unsere Vorfahren auf Kosten von Tieren gönnten. Was wurde da nicht alles aufeinander gehetzt: Katzen, Hunde, Bären, Füchse, Otter…

Oder: Wer kann am meisten lebendige Goldfische verschlucken? Diesen Volkssport trieben die US-Amerikaner in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts. Der Rekord soll bei 210 Stück gelegen haben. Selbst der britische Monarch George VI. äusserte sich offenbar beeindruckt.

Ein Aal baumelt in der Luft

In Amsterdam wiederum war Ende des 19. Jahrhunderts das so genannte Aalziehen en vogue: An einem über einen Kanal gespannten Seil hing ein toter Aal, den man vorsorglich mit Seife eingeschmiert hatte. Er wurde dadurch noch glitschiger als er ohnehin schon war.

Die Aufgabe des Athleten bestand darin, von einem wackligen Boot aus das in der Luft baumelnde Tier von unten zu erhaschen – ohne ins Wasser zu fallen. Was natürlich oft geschah, zum Vergnügen des Publikums.

Nachahmung nicht empfohlen

Edward Brooke-Hitchings Werk ist ebenso unterhaltsam wie kulturgeschichtlich erhellend. Zur Nachahmung empfiehlt sich das Geschilderte allerdings definitiv nicht.

Sendung: Radio SRF 1, Litertatur-Tipp, 25.11.2016, 14.45 Uhr.

Buchhinweis

Edward Brooke-Hitching: «Enzyklopädie der vergessenen Sportarten», Liebeskind, 2016.

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