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Aus dem Archiv: J.K. Rowling veröffentlicht ein neues Kinderbuch
Aus SRF News vom 27.05.2020.
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Backlash gegen offenen Brief Rowling und Rushdie fordern Meinungsvielfalt statt Einheitsmoral

Weniger moralischer Pranger, mehr Meinungsvielfalt: Das fordern über 150 Prominente in einem offenen Brief – und ernten dafür Kritik. Die Hintergründe der Debatte im Überblick.

Sie sind mehrheitlich links, intellektuell und besorgt über die Debattenkultur: Über 150 Autorinnen, Aktivsten und Akademiker haben im US-amerikanischen «Harper's Magazine» einen gemeinsamen «Brief über Gerechtigkeit und offene Debatten», Link öffnet in einem neuen Fenster veröffentlicht.

Unterzeichnet haben ihn etwa die Schriftstellerinnen J.K. Rowling und Margaret Atwood, Autoren wie Daniel Kehlmann und Salman Rushdie, der linke Denker Noam Chomsky und die Feministin Gloria Steinem.

Was steht im offenen Brief?

Der Brief warnt vor einer «Cancel Culture»: vor einer Debattenkultur, die moralisch aufgeladen und ideologisch selbstgerecht ist, keine Gegenstimmen, Fehler oder Unsicherheiten zulässt. Wer vom moralischen Kompass abweiche, werde an den öffentlichen Pranger gestellt.

Die radikale Rechte und Trump seien eine Gefahr für die Demokratie, heisst es im Brief. Sie unterstützten die anhaltenden Protesten gegen Rassismus und soziale Ungerechtigkeit: Diese seien eine «nötige Abrechnung».

Gleichzeitig würden im Fahrtwasser des Widerstands gegen anti-liberale Kräfte auch die offene Debatte und die Toleranz für Unterschiede geschwächt – zugunsten moralischer Eindeutigkeit und Einheitlichkeit.

Die Verfasserinnen und Verfasser des Briefes kritisieren ein «Klima der Intoleranz, das auf allen Seiten eingesetzt hat.» Und meinen damit: Auch in ihrem eigenen, links-liberalen Umfeld.

Wie waren die Reaktionen?

In den sozialen Medien wurde der Brief viel kommentiert, geteilt und diskutiert. Die einen User sehen ihn als treffend und «sehr wichtig»:

Andere aus der Twitter-Community empfanden den Brief als Hohn. Die Verfasserinnen aus dem Establishment seien selbstmitleidig, altbacken und überheblich, so eine Stossrichtung der Kritik ...

... die auch humorvoll verpackt wurde:

Zudem empfanden viele Nutzerinnen den Zeitpunkt als unpassend – und warfen den Unterzeichnenden vor, von den wichtigeren Themen abzulenken.

Warum schlägt der Brief so hohe Wellen?

Die Unruhen in den USA haben die Debatte über Meinungsvielfalt und linken Dogmatismus angefacht. Sie läuft aber bereits länger – besonders in den USA, aber auch hierzulande – und entzündet sich immer wieder an einzelnen Ereignissen.

Als Beispiel nennt der Brief etwa «Redakteure, die gefeuert werden, wenn sie kontroverse Stücke bringen.» Damit spielen sie wohl auf den Leiter des Meinungsressorts der New York Times an: Dieser verlor seinen Posten,, Link öffnet in einem neuen Fenster nachdem er einen umstrittenen Artikel absegnete, der den Einsatz des Militärs gegen Demonstranten rechtfertigte.

Eine rothaarige  Frau mit blauen Ohrringen.
Legende: J.K. Rowling wird wegen ihren Tweets über Transpersonen kritisiert - und angefeindet. Getty Images / John Philipps

Und warum geht es auch um J.K. Rowling?

Besonders viel Kritik erhielt der Brief, weil auch J.K. Rowling unterschrieb. Die Schriftstellerin stand in den letzten Wochen wegen eines Tweets in der Kritik, Link öffnet in einem neuen Fenster, der (biologisches) Geschlecht als unverrückbar darstellt und daher von vielen als trans-feindlich empfunden wurde:

Sie machte sich ausserdem über die Bezeichnung «Menschen, die menstruieren» lustig.

Promis aus dem Umfeld der Harry-Potter-Bücher und -Filme wie Daniel Radcliffe und Emma Watson haben sich von diesen Äusserungen distanziert. Auf Twitter wurde J.K. Rowling dafür auch massiv angefeindet., Link öffnet in einem neuen Fenster

Und wie sind die Reaktionen auf die Reaktionen?

Mehrere Unterzeichnerinnen des Briefes haben ihre Unterstützung im Zuge dieser Kritik zurückgezogen.

Eine anonyme Person sagte laut der New York Times, Link öffnet in einem neuen Fenster, sie wolle sich aus dem aufziehenden Sturm raushalten. Und meinte: Der Brief, der u.a. Internet-Pranger thematisiere, werden nun dazu benutzt, Menschen an den Pranger zu stellen.

Der Brief hat also ein Stück weit selbst die Mechanismen ausgelöst, die er kritisiert. Und wie es sich für Twitter gehört, nahmen manche auch diesen Effekt auf die Schippe:

Radio SRF 2 Kultur, Kultur Nachrichten, 8.7.2020, 17:30 Uhr;

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37 Kommentare

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  • Kommentar von Marc Grut  (Pandas)
    Es ist schon lange offensichtlich das Cancel Culture existiert und sie ist so erfolgreich weil Leute die sich dagegen wehren sofort attackiert werden.
    Das Problem ist auch das Mainstream Medien wie SRF nur vereinzelt Stimmen in würdiger Weise zu Wort kommen lässt, die eine konservative Werteinstellung haben oder rechts auf dem politischen Spektrum sind.
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  • Kommentar von Kurt Looser  (Dremel)
    Die abgesprungen anfänglichen UnterstützerInnen zeigen deutlich wie eminent wichtig das Thema ist. Der Gegenstand ist alltäglicher Fakt und bräuchte dringend einen umfassenden Diskurs und eine Kurskorrektur. Wenn nun einzelne Exponenten, zwar hinter dem Anliegen stehen, jedoch wieder abspringen weil ihnen einzelne Unterstützer nicht passen und sie fürchten selbst in ein "falsches" Licht zu geraten, dann stecken wir ganz tief im Sumpf der ehemals freien Meinung.
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  • Kommentar von Lily Mathys  (Alle vergeben)
    Fun Fact: Mathew Yglesias, Co-Founder VOX und Mitunterzeichner, wurde gerade rausgeschmissen.
    Die Cancel Culture geht so weit, dass direkt die Chefs der nicht-konformen angerufen werden (Fire him!). Eine Diskussion mit Daryl Davis (grossartiger Mann!) musste verlegt werden. Da bedroht von Antifa.
    Ich hoffe, es ist allen klar, dass Identitätspolitik in den USA progressiv und links steht? Diese verändern bereits die Sprache (u.a. Pronomen wie they). Besorgniserregend.
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    1. Antwort von Pascal Odermatt  (PDOdermatt)
      Und was stoert es Sie persoenlich wenn sich jemand nicht mit 'she' oder 'he' identifiziert? Inwiefern wird dadurch ihre Freiheit eingeschraenkt? Oder wieso machen Sie sich so Sorgen? Ich verstehe den Zusammenhang zwischen ihrem Leiden und der Geschlechteridentitaet ihrer Mitmenschen nicht. Und wieso ist ihr Leiden aufgrund der Geschlechteridentitaet andere, welche Sie wahrscheinlich nicht einmal kennen, wichtiger als die Freiheit das Geschlecht so zu interpretieren wie sich diese fuehlen?
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    2. Antwort von Markus Baumann  (pierrotlunaire)
      @Odermatt Wenn sich jemand nicht mit seinem biologischen Geschlecht identifiziert und „etwas“ anderes sein will, geschenkt. Wenn jemand deswegen mit einem anderen Pronomen angesprochen werden will, geschenkt. Was aber meiner Ansicht nach nicht funktionieren kann, wenn verlangt wird, die Sprache für alle Minderheiten „Pronomengerecht“ zu machen. Das verstümmelt die Sprache und ist Unsinn. Das „Problem“ mit dem „Nicht-Geschlecht“, in der Minderheit zu sein, wird mit Sprachregeln nicht gelöst.
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    3. Antwort von Pascal Odermatt  (PDOdermatt)
      Ich bekomme oft emails in denen die gewuenschten Pronomen des Senders mitangegeben werden, und das funktioniert bestens, und ich bin sogar froh darueber. Ich haette auch keine Lust staendig falsch angesprochen zu werden, das haben andere wohl auch nicht, unabhaengig davon ob es sofort ersichtlich ist nicht. Ich verstehe aber nicht genau was Sie meinen mit 'fuer alle Minderheiten "Pronomengerecht" zu machen'. Es werden ja nicht neue Pronomen erfunden.
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