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Caspar Hirschi über den offenen Brief von Atwood & Co
Aus Kultur-Aktualität vom 13.07.2020.
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Demokratie und Denkverbote Wenn Querdenker mundtot gemacht werden

Margaret Atwood, Noam Chomsky, J.K. Rowling, Daniel Kehlmann: 150 namhafte Intellektuelle haben im «Harper’s Magazine» einen offenen Brief unterzeichnet, Link öffnet in einem neuen Fenster, in dem sie die «steigende Intoleranz» in der öffentlichen Debatte beklagen und mehr Offenheit fordern.

Zu Recht, sagt der Historiker Caspar Hirschi über diesen Denkanstoss zur demokratischen Diskussionskultur. Wer heute legitime, aber unbequeme Positionen vertrete, werde schnell stigmatisiert.

Caspar Hirschi

Caspar Hirschi

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Der Schweizer Historiker ist Professor für Allgemeine Geschichte an der Universität St. Gallen. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören die Theorie und Geschichte des Nationalismus und der Struktur- und Kulturwandel der Öffentlichkeit.

SRF: Die öffentliche Debatte werde zunehmend intolerant, heisst es im offenen Brief. Ist diese Diagnose berechtigt?

Caspar Hirschi: Sie ist überfällig. Vor allem für die USA, weil sich dort schon lange beobachten lässt, dass die Toleranz, sich mit abweichenden Meinungen auseinanderzusetzen, stark schwindet.

Das sieht man in der politischen Diskussion. Aber man sieht es auch in der wissenschaftlichen Diskussion.

Können Sie das an einem aktuellen Beispiel illustrieren?

Die berühmte Literatin Margaret Atwood wurde angegriffen, weil sie die #MeToo-Bewegung zwar als eine wichtige Reaktion auf das Versagen des Justizsystems gewürdigt hat.

Aber sie hat auch kritisiert, dass nicht klar sei, wie sich Angeklagte jetzt in Prozessen selber verteidigen können. Das hat dazu geführt, dass Atwood zur Persona non grata in progressiven Kreisen geworden ist.

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Hier sieht man, was für ein gesellschaftlicher und medialer Druck erzeugt werden kann mit Personen, die legitime Positionen vertreten, aber eben Teil einer öffentlichen Diskussion sind, die extrem polarisiert daherkommt.

Es ist schwierig geworden, Kritik an diskriminierten Minderheiten zu üben.

Was ist der Grund, dass jetzt auch progressive Personen darunter leiden? Hängt das damit zusammen, dass man Minderheiten nicht mehr öffentlich kritisieren darf?

Bis zu einem gewissen Grad trifft das zu. Es ist schwierig geworden, Kritik an diskriminierten Minderheiten zu üben. Wenn etwa heterosexuelle Schwarze homosexuelle Weisse anfeinden, dann ist es sehr schwierig thematisierbar.

Es gibt eine ganze Reihe von Tabus in der öffentlichen Debatte, die man nur schwer ansprechen kann. Und wenn sie dann mal angesprochen werden, kommt es schnell zu einer Stigmatisierung.

Das ist gerade für eine demokratische Diskussion, die auch die Probleme um Diskriminierung lösen möchte, eher eine Erschwernis als eine Hilfe.

Im deutschsprachigen Raum gibt es aber ähnliche Tendenzen.

Stellen Sie diese Tendenz auch hier in Europa und in der Schweiz fest?

Bisher ist das ein Phänomen, das besonders im englischsprachigen Raum stark ausgeprägt ist.

Im deutschsprachigen Raum gibt es aber ähnliche Tendenzen. Vor allem auf Twitter können Kampagnen gestartet werden. Die Kopftuchdebatte ist von ähnlichen Polarisierungen geprägt – in Deutschland stark, zum Teil auch in der Schweiz.

Ein klassisches Dilemma zwischen zwei Grundwerten, der Gleichberechtigung von Mann und Frau und dem Recht auf kulturelle Selbstbestimmung, kann man in der öffentlichen Debatte eigentlich nicht thematisieren.

Was sind die Folgen?

Das führt zu einem Fundamentalstreit zwischen Rassisten auf der einen Seite und Fundamentalisten auf der anderen, aber eine vernünftige Diskussion kann man nicht führen.

Die Mohrenkopf-Diskussion in der Schweiz ist die Fortsetzung der amerikanischen Diskussion als Farce. Und auch hier sieht man, dass die Rechtspopulisten am meisten davon profitieren. Weil sie im Mohrenkopf im wörtlichen Sinne ein gefundenes Fressen für sich haben.

Das Gespräch führte Beat Vogt.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur Aktualität, 13.7.2020, 06:50 Uhr;

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60 Kommentare

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  • Kommentar von Thomas Ramseier  (ramtho)
    Ist dieser Artikel ein Versuch sich weiss zu waschen?
    Die gesamten Mainstream-Medien haben bein Thema Corona nichts anderes gemacht als abweichende Meinungen in die Verschwörungsecke zu stellen, wo keine Diskussion mehr möglich ist!
    Wenn eine andere Meinung von irgend einem Thema ernst genommen werden soll, vor allem wenn es mit Fakten hinterlegt daher kommt, wäre es unumgänglich es als Hypothese zu betrachten.
    Erst dann kann eine Diskussion entstehen.
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    1. Antwort von Andrea Esslinger  (weiterdenken)
      Wollte soeben das gleiche Thema ansprechen. Sie haben das aber so treffend beschrieben, dass ich mich Ihnen einfach anschliesse. Danke.
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    2. Antwort von Michel Koller  (Mica)
      Sie übertreiben vollends. Es wurde in diversen Medien kontrovers diskutiert aber wer eine eigene Meinung hat, muss eben auch mit entsprechenden Reaktionen Anderer zurecht kommen. Ansonsten sollte er schweigen, wenn er es nicht erträgt und nicht ständig rumjammern, wie böse die Medien sind. Die Tatsache, wie Sie den Begriff Mainstream verwenden zeigt doch deutlich, wie Sie mit anderen Meinungen umgehen. Die sind ja alle Mainstream, manipuliert etc.. Darüber hab ich unten schon geschrieben.
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    3. Antwort von Kurt Willi  (kuwilli)
      Sie missverstehen etwas. Querdenken, umschreibt ,wie der Name schon sagt, das denken und nicht dessen Schlussfolgerung.
      Wenn Sie bei einer Umfrage fragen würden was die Leute von Rassismus halten, würden die Meisten sagen, dass sie diesen für schlecht halten, ganz wenige würden ihn für gut halten, aber kaum jemand würde antworten, dass er sich das erst überlegen muss. Auch jene die Rassismus für gut halten, sind deswegen noch keine Querdenker.
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    4. Antwort von René Baron  (René Baron)
      @Koller
      einen Medienkanal als "Mainstream" zu deklarieren, der dauernd von der redaktionellen Meinung abweichende Statements - auch wenn sie der Etikette vollends genügen - unterdrückt, halte ich für legitim.
      Zu vermuten, dass entsprechende Autoren zwangsläufig gegen die Etikette verstossen, ist billig, ungebildet und Teil des genannten Mainstreamproblems!
      Mag sein, dass sie sich in der Herde wohl fühlen und deshalb gern hier in der Echokammer verkehren. Intelligente wollen diskutieren.
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    5. Antwort von Michel Koller  (Mica)
      Ich würde mal sagen, dass 20-30% meiner Kommentare auch nicht veröffentlicht werden. Deswegen würde ich SRF nicht als Mainstream bezeichnen oder Mainstream als etwas grundsätzlich schlechtes. Ich verstehe, dass manche offensichtlich etwas brauchen, womit sie sich abgrenzen und eine Opferrolle einnehmen können. Intelligent und Gebildet sind jetzt aber nicht gerade die zutreffendsten Beschreibungen, oder?
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    6. Antwort von Michel Koller  (Mica)
      Dass ihr Leute ständig Meinung mit Wissen verwechselt...
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  • Kommentar von Michel Koller  (Mica)
    Das ist ja irgendwie schon lange so aber fällt durch Social-Media mehr auf. Wirklich schwierig wird es, wenn man nicht nach dem Muster dafür/dagegen argumentiert. Ich glaube da sind sehr viele Menschen dann gleich etwas überfordert und die Reaktion ist entsprechend. Wobei man auch bedenken muss, dass nicht jeder, welcher Nonsens schwafelt, gleich ein Querdenker ist. Die meisten "Against Mainstream" sind in ihren Denkmuster und Verhaltensweise genau wie der Mainstream.
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  • Kommentar von Alex Kramer  (Kaspar)
    es ist ja nur zu bezeichnend, dass ausgerechnet jene, welche die Gesellschaftliche Buntheit und Gleichmacherei propagieren, individuelle und vor allem konservative Meinungen sofort unterdrücken. Die aktuellen Säuberungswellen in den Social Media und auf Youtube zeigen nur zu deutlich, wohin die Reise geht.
    Ohne mich.
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