Der Autor und Filmpublizist Walter Ruggle hat über Bruno Ganz (1941–2019) keine Biografie im herkömmlichen Sinn verfasst, sondern eher so etwas wie einen Werkkatalog: Eine «Reise mit den Figuren des Schauspielers» nennt Ruggle das Buch im Untertitel. Es erzählt die künstlerische Biografie von Bruno Ganz anhand seiner Film- und Theaterfiguren, also der Rollen, die er gespielt hat.
Das ist schlau, weil es einerseits nah am Schaffen und an seinem Werk bleibt, das Bruno Ganz ausmachte und das ihm auch selbst am wichtigsten war. Und, weil es anderseits die Entwicklung aufzeigt, die dieses Werk durchläuft. Damit ist das Buch ganz nebenbei zu einer kleinen Kulturgeschichte der jüngsten Vergangenheit geworden.
Bremen, Zürich – und der Hitler
Denn Bruno Ganz war bei prägenden Strömungen im Film und Theater dabei und hat sie mit beeinflusst. In den ersten Tagen des Regietheaters mit der Truppe um den Regisseur Peter Stein in Bremen und kurz auch in Zürich, wo die avantgardistischen Künstlerinnen und Künstler umgehend hinausgeworfen wurden.
Später im Film mit Regisseuren wie Wim Wenders: «Der Himmel über Berlin», in dem er einen Engel spielt, ist eine der bekanntesten Rollen. Und dann Adolf Hitler im Film «Der Untergang» – von der Rolle kam er in der Aussenwahrnehmung fast nicht mehr los.
Der Autor Walter Ruggle legt Wert darauf, diesen Weg mit seinen Hintergründen aufzuzeigen. Zu den Rollenporträts stellt er ergänzende Interviews mit Weggenossinnen und Weggenossen. Es gibt durchgehend erläuternde Kommentare zu bedeutenden Personen und Institutionen auf dem Weg von Bruno Ganz.
Etwa die Berliner Schaubühne, die in den 1960er- und 1970er-Jahren das neue Theater durchgesetzt hat. Das vergegenwärtigt die Zeit, in der Bruno Ganz gelebt und gearbeitet hat, und macht das Buch ausgesprochen anschaulich und lebendig.
Rolle für Rolle, Bild für Bild
Was die Biografie natürlich nicht zeigt, sind die neuen Wege, die Bruno Ganz nicht mehr gegangen ist, die Strömungen, die an ihm vorbeizogen. Das Theater hat sich weiterentwickelt, er ist an einem Punkt stehen geblieben und hat sich auf die Filmarbeit konzentriert.
Jeder Rolle von Ganz widmet Walter Ruggle ein einlässliches kurzes Porträt, von ersten kleinen Auftritten in Schweizer Filmen bis zu «Vitus», «Pane e tulipani», «Giulias Verschwinden» und all den anderen.
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Bild 1 von 5. «Schau Spiel Bruno Ganz» begleitet Bruno Ganz’ Karriere mit zahlreichen Fotos: von «Dans la ville blanche» (1983) …. Bildquelle: Ass Alain Tanner.
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Bild 2 von 5. … über die Zusammenarbeit mit Otto Sander …. Bildquelle: Ruth Walz.
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Bild 3 von 5. … und die Dreharbeiten zu «L’absence» mit Jeanne Moreau (1992) … . Bildquelle: Ruth Walz.
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Bild 4 von 5. … Theo Angelopoulos’ «Die Ewigkeit und ein Tag» mit Isabelle Renauld (1998) …. Bildquelle: Trigon Film.
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Bild 5 von 5. … oder «Pane e tulipani» (2000) – an der Seite von Licia Maglietta. Bildquelle: Philippe Antonelli.
Es ist ein Vorzug der Katalog-Form des Buches, dass wir lesend unseren eigenen Interessen folgen und uns überraschen lassen können, ohne den Faden zu verlieren. Ein Stöbern und Entdecken ist also möglich.
Was entscheidend hinzukommt, sind die Bilder: Zum einen natürlich Stills aus den Filmen, aber auch Aufnahmen von Proben, aus Aufführungen, mit etlichen Fotos von Ruth Walz. Sie war die Lebensgefährtin von Bruno Ganz und ist eine fabelhafte Theaterfotografin. Gerade auch ihre Aufnahmen machen «Schau Spiel Bruno Ganz» zu einem reichen Füllhorn.