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Jüdische Bittschriften im Vatikan
Aus Kultur-Aktualität vom 25.02.2021.
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Blick ins Archiv Holocaust: Wie hat der Vatikan auf jüdische Hilferufe reagiert?

Tausende Briefe an Pius XII. zeigen, wie der Vatikan mit verfolgten Juden umging. Viele Fragen bleiben jedoch offen.

«Es ist aus höchster Not und Verzweiflung, in der ich mich an seine Exzellenz wende», schreibt Martin Wachskerz im Jahr 1942 in einem Brief an den Papst.

«Ich habe in letzter Zeit so viel Bitteres durchgemacht, dass ich nicht mehr weiter kann. Ich bin am Ende meiner Kraft.»

Martin Wachskerz steht an der Schweizer Grenze. Er hat bereits eine lange Flucht hinter sich. Von Berlin über Polen und Belgien nach Frankreich. Doch auch in Frankreich werden die Jüdinnen und Juden verfolgt.

«Haben Sie Erbarmen»

«Ein Schöpfer im Himmel weiss, in welcher Gefahr wir sind. Jede Minute», schreibt Martin Wachskerz. Und fleht: «Seine Hochwürden, bitte helfen Sie so schnell wie möglich. Retten Sie uns. Haben Sie erbarmen.»

Der Papst solle doch bitte bei Schweizer Fremdenpolizei intervenieren. Die Schweizer Behörden haben zuvor Martin Wachskerz’ Gesuch zur Einreise abgelehnt.

Tatsächlich sucht der päpstliche Botschafter in der Schweiz das Gespräch – ohne Erfolg. Martin Wachskerz und seine Familie erhalten kein Visum.

Öffnung der Archive zu Papst Pius XII.

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Seit März 2020 sind die Archive zum Pontifikat von Pius XII. zugänglich. Forscherinnen und Forscher hatten lange auf diesen Schritt gewartet und hoffen auf neue Erkenntnisse über die Rolle von Pius XII. im Zweiten Weltkrieg.

Denn der Papst ist höchst umstritten: Kritiker sagen, Papst Pius habe zu lange geschwiegen zum Holocaust. Andere halten dagegen. Er habe mit Hilfe des Kirchenasyls viele Jüdinnen und Juden gerettet. Die Forschung zu Pius XII. ist auch deshalb brisant, weil ein Seligsprechungsverfahren läuft.

Erfahren Sie hier mehr über das zugänglich gemachte Material.

Was danach mit der Familie geschieht, will Kirchenhistoriker Hubert Wolf, Professor an der Universität Münster, nun erforschen.

Zeugnisse der Verfolgten

Er rechnet damit, dass neben dem von ihm gefundenen Schrifttstück von Martin Wachskerz bis zu 20'000 solcher Briefe in den Archiven liegen. «Diese Bittschriften bringen Menschen, deren Gedächtnis die Nazis auslöschen wollten, wieder in den Blick und geben ihnen eine Stimme.»

Die Briefe sind Zeugnisse von verfolgten Menschen. Ihre Geschichten sind berührend und deshalb besonders wertvoll.

Davon ist Hubert Wolf überzeugt: «Die Geschichten animieren auch heute noch zum Nachdenken. Wissenschaftlich aufbereitet können sie als Grundlage dienen für eine Anti-Antisemitismuserziehung.»

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Tausende neuer Dokumente zum Weltkriegspapst Pius XII.
15:35 min, aus Blickpunkt Religion vom 01.03.2020.
abspielen. Laufzeit 15:35 Minuten.

Hubert Wolf denkt auch an muslimische Jugendliche. «Sie haben oft einen Migrationshintergrund, bringen den aber nie mit jüdischen Verfolgungsgeschichten in Verbindung.» Geschichten wie jene von Martin Wachskerz könnten hier eine Brücke bauen.

Ein Papst, der polarisiert

Die Bittschriften zeigen darüber hinaus, wie der Vatikan mit der Verfolgung der Jüdinnen und Juden umgegangen ist. Eine besonders spannende Frage.

Die Rolle des Vatikans, insbesondere die des damaligen Oberhauptes Papst Pius XII. im zweiten Weltkrieg, ist nämlich höchst umstritten: Für die einen ist Papst Pius XII. der Retter der Juden. Die anderen sehen ihn als Papst Hitlers.

«Wir finden in den Quellen Menschen im Vatikan, die den Jüdinnen und Juden unbedingt helfen wollten. Andere waren der Ansicht, der Vatikan beschäftige sich viel zu sehr mit den Juden», sagt Hubert Wolf.

Legende: Was wusste Papst Pius XII. vom Holocaust? Momentan steht diese Frage im Zentrum der Archiv-Untersuchungen. Getty Images / Hulton Archive

Es geht nicht nur um den Papst

«Es gab in der Kurie also dezidierte Antisemiten, es gab aber auch dezidierte Judenfreunde.» Somit widerspiegle der Vatikan die ganze Bandbreite der römisch-katholischen Kirche.

Deshalb kommt Hubert Wolf zum Schluss: «Die Konzentration der Forschung auf den Papst greift zu kurz.»

Um die Rolle des Vatikans im Zweiten Weltkrieg beurteilen zu können, müsse die vatikanische Verwaltung und die unteren Entscheidungsebenen genauer untersucht werden. Material gebe es dafür in den neu geöffneten Archiven mehr als genug.

Sendung: SRF2 Kultur, Kultur Aktualität: 25.02.2021, 17:20 Uhr.

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12 Kommentare

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  • Kommentar von Nathan W. Vaterhaus  (nwv)
    Da empfehle ich doch mal allen interessierten das Buch „Mit Gott und den Faschisten“ von Karl Heinz Deschner,
  • Kommentar von Walter Breitenmoser  (Communio)
    Der berühmte jüdische Religionswissenschaftler Pinchas Lapide schrieb in seienm Buch "Rom und die Juden": "Der Heilige Stuhl hat mehr getan, den Juden zu helfen, als jede andere Organisation des Westens, einschliesslich des Roten Kreuzes. Pius XII. hat während des Krieges direkt oder indirekt das Leben von etwa 860.000 Juden gerettet." - Pinchas Lapide, Rom und die Juden, Freiburg, 1967, S. 188
  • Kommentar von Peter König  (Vignareale)
    Ohne Religionen keine, oder weniger Kriege und das beginnt bereits in
    Den Familien
    Deshalb müssen die Staatskirchen weg. rigorose Trennung von Kirche und Staat. Die riesigen Vermögen der katholischen Kirche müssen aufgeteilt werden, die Kirche hat nichts mehr
    in der Politik und zivilen Verwaltung zu tun es lebe die Freiheit
    1. Antwort von Martin Wellauer  (wellauer)
      Ebendieser 2. Weltkrieg war ein klar atheistischer, genauso wie alle anderen grossen Kriege im 20. Jahrhundert. Ihre Aussage ist falsch!