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Rolle von Pius XII.: Vatikanische Archive sollen Aufklärung geben
Aus Echo der Zeit vom 20.02.2020.
abspielen. Laufzeit 03:25 Minuten.
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Der Vatikan und der Holocaust Jetzt soll sich zeigen, was Papst Pius XII. wirklich wusste

Warum schwieg Papst Pius XII. zum Holocaust? Der Vatikan öffnet ab März den Zugang zu Dokumenten, die Antworten auf viele Fragen geben sollen.

Kardinal José Tolentino ist der oberste Archivar des Vatikans. Heute informierte er in Rom über die bevorstehende Archiv-Öffnung mit den Worten: «Alle Wissenschaftler sind willkommen, unabhängig von ihrer Religion, Konfession oder Ideologie.»

Gekommen waren viele: Wissenschaftler, aber auch Journalistinnen und Journalisten. Fast alle interessierte nur eine Frage: Was hat Pius XII., der ab 1939 Papst war, zu welcher Zeit über den Holocaust, über die Schoah, gewusst? Auf diese zentrale Frage kam der Kardinal heute Morgen allerdings mit keinem einzigen Wort zu sprechen. Er tat so, als würde es diese Frage gar nicht geben.

Aufklärung wird Zeit brauchen

Doch die Forschenden werden die rund 400'000 nun zugänglichen Archivschachteln mit Millionen von Dokumenten hauptsächlich auf diese Frage hin untersuchen.

Sie wollen wissen, wann genau der Papst davon erfahren hat, dass in den Lagern der Nazis Millionen von Jüdinnen und Juden ermordet wurden. Warum hat das Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche geschwiegen?

Ein Geistlicher sitzt in den vatikanischen Archiven.
Legende: Millionen von Dokumenten aus dem vatikanischen Archiv sollen untersucht werden. (Im Bild: Vatikanisches Archiv, 2006) Keystone / AP L'Osservatore Romano / Arturo Mari

Es geht aber auch um die Frage, ob prominente Nazi-Verbrecher wie Adolf Eichmann oder Josef Mengele tatsächlich mit vatikanischen Pässen oder der Hilfe von römisch-katholischen Geistlichen nach Südamerika fliehen konnten. Bisher ist das lediglich ein Verdacht, der nun aufgrund der Akten widerlegt oder bestätigt werden könnte.

Nur Schweigen

Fakt ist: Papst Pius XII. hat sich zur Ermordung der Juden nie öffentlich geäussert. Selbst als 1943 die Juden Roms vor den Toren des Vatikans in Vernichtungslager deportiert wurden, hat sich dieser Papst in Schweigen gehüllt. Zuweilen wurde gesagt, Pius XII.habe hinter den Kulissen Juden geholfen, sich zu verstecken.

Profilfoto von Papst Pius XII.
Legende: Verlor bis zu seinem Tod kein Wort über den Holocaust: Papst Pius XII.. Getty Images / Bettmann

Auch in diesem Punkt könnten die nun geöffneten Archive Gewissheit schaffen. Auf schnelle Ergebnisse dürfe man aber nicht hoffen, sagte Kardinal José Tolentino: Das nun zugänglich gemachte Material sei so umfangreich, dass aussagekräftige Resultate erst in Jahren zu erwarten seien.

Klärung ohne Angst vor der Geschichte

Auf diese Resultate wartet nicht nur die historisch interessierte Öffentlichkeit, sondern auch der Vatikan selbst. Schon in den 1960er-Jahren regten Gläubige an, Papst Pius XII. seligzusprechen. Doch weil so viele Fragen offen sind, blieb das Verfahren blockiert. Nun hofft auch der Vatikan auf Klärung. Ohne Angst vor der Geschichte, wie sich der Kardinal ausdrückte.

Diese Aussage weist darauf hin, dass es tatsächlich um viel geht. Denn Pius XII. war nicht irgendein Papst. Seine Zeit auf dem Heiligen Stuhl war lange. Im letzten Jahrhundert sass nur einer länger darauf: Johannes Paul II.

Sendung: SRF 4 News, Echo der Zeit, 20.2.2020, 18.00 Uhr.

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42 Kommentare

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  • Kommentar von Colin Hay  (History Matters)
    Niemand hat in den letzten 2000 Jahren mehr Dreck am Stecken als die Kirche!
    Die Schandtaten von diesen „Gottesfürchtigen“ sind überall nachzulesen und zu recherchieren. Stichwort Ur-Einwohner um nur ein Beispiel zu nennen. Und trotzdem folgen immer noch so viele Menschen dieser offensichtlichen Lüge des Glaubens. Widerlich.
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  • Kommentar von Peter Imber  (Wasserfall)
    Päpste und der Vatikan haben sich für mich schon vor fünfzig Jahren erledigt. Für mich nichts als ein heuchlerischer Altherren-Klub, wo viel gelogen und vertuscht wird.
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  • Kommentar von Helmut Schlattinger  (Austria)
    Naja,

    ich - ein überzeugt, vor mehr als 40 Jahren ausgetretener Ex-Katholik - finde den Umgang der röm.-kath. Kirche, samt ihren Chefs/Päpsten, mit den sog. "Juden/Jesusmördern" geradezu schändlich. Schliesslich ist der "christliche Umgang" mit dieser Lebensanschauung - das Wort Religion erspare ich mir lieber - von tiefster Abscheu geprägt.

    Von mir aus, kann ja Jede/-r glauben (!!!), was er/sie will - ich kann mir meinen Teil dazu denken...
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