Wenn Jungen im Sportunterricht nicht weit springen und nicht weit werfen können, werden sie oft ausgelacht. Und manchmal rufen die Mitschüler und Mitschülerinnen ihnen auch heute noch hinterher: «Mädchen!»
Denn: Mädchen können nicht werfen. Mädchen können nicht weit springen. Mädchen können nicht Fussball spielen. Halt! Stopp! Frauenfussball hat sich gerade zu einer sehr beliebten Sportart entwickelt. Doch das hat lange gedauert.
Sport ist Mord – aber nur für Frauen
Grundsätzlich galt jede neue Sportart erst einmal als ungeeignet, ja, sogar gefährlich für Frauen. Das Velofahren zum Beispiel: Ärzte glaubten im 19. Jahrhundert, es mache Frauen unfruchtbar. Wahrscheinlich wollten die Männer das tolle, neue Sportgerät namens Fahrrad einfach für sich behalten.
Noch deutlicher war das Verdikt bei Sportarten mit kämpferischem Charakter: Frauen im Boxring? Oder beim Karate-Training? Bewahre! Das war doch vollkommen ungeeignet für den zarten, weiblichen Organismus.
Eigene Grenzen setzen und verteidigen
Und doch gab es sie zu allen Zeiten: Frauen, die nach mehr Bewegungsfreiheit suchten. Frauen, die wehrhaft sein wollten. Diese Frauen machten Männern Angst. Wenn man Andrea Böhms Buch «Fighting Like a Woman» liest, kann man sagen: nicht ohne Grund.
Denn körperliches Training ist immer auch eine Form der Selbstermächtigung. Frauen, die ihre Muskeln stärken, lernen nicht nur ihre eigenen Grenzen kennen. Sie lernen auch, wie man diese Grenzen verteidigt. Und wie man so mehr Eigenständigkeit, mehr Selbstbewusstsein erlangt.
Frauen, das schwache Geschlecht? Die Journalistin Andrea Böhm geht in ihrem Buch der Frage nach, was Frauen schwach macht. Die Natur? Oder gesellschaftliche Normen und daraus abgeleitete Prägungen? Sie erzählt von Frauen, die sich die Freiheit nahmen und nehmen, anders zu sein: stark, muskulös, kämpferisch.
Kämpfen, ohne den Hut zu ruinieren
Böhms Buch liest sich wie eine Reihe spannender Reportagen. Es führt zu Wrestlerinnen in Mexiko, die hart kämpfen, das aber nicht als emanzipatorischen Akt begreifen wollen. Und zu jungen Frauen in Kenia, die ETT-Kurse besuchen: Empowerment Transformation Training.
Andere Kapitel führen in die Geschichte: In Boxkeller im Berlin der 1920er-Jahre, in denen auch Marlene Dietrich trainierte. Und zu historischen Kämpferinnen wie Edith Garrud, die um 1900 in London eine Jiu-Jitsu-Schule leitete. Und die auch eifrig Werbung für diese Schule macht:
«Garrud trat in Theatern auf, wo sie deutlich grössere Männer, gern auch ihren eigenen, mit Jiu-Jitsu-Techniken zu Boden schmetterte. Dass sie das immer in Ausgehkleidung tat, fand besonderen Anklang. Eine Lady konnte offenbar kämpfen, ohne dass ihr opulenter Hut Schaden nahm.»
Viele von Edith Garruds Schülerinnen kamen aus dem Kreis der Suffragetten, der Kämpferinnen für Frauenrechte. Sie lernten bei Garrud, sich auf der Strasse gegen Polizisten und Passanten zu wehren. Denn die Demonstrationen der britischen Kämpferinnen fürs Frauenwahlrecht verliefen weit weniger friedlich, als sie heute oft dargestellt werden.
Andrea Böhm erinnert daran, dass diese frühen Feministinnen aggressiven Übergriffen aller Art ausgesetzt waren.