Am 8. März feiern wir den Internationalen Frauentag, doch zu feiern gibt es nicht viel. Gerade sind es nur bedingt gute Zeiten, eine Frau zu sein: von Abtreibungsverboten in den USA über das Bildungs- und Berufsverbot für Mädchen und Frauen in Afghanistan bis zu brutaler Repression im Iran.
Denken wir zudem auch an die steigenden Femizidzahlen hierzulande oder den sich ausbreitenden Frauenhass im Netz. Lang erkämpfte Frauenrechte werden aktuell an verschiedenen Orten gekippt.
Weibliches Zeitalter?
Trotzdem spricht die Journalistin, Juristin und Autorin Shila Behjat von einem «neuen weiblichen Zeitalter». Denn gerade in diesem Gegenangriff sieht sie das Indiz gewaltiger Fortschritte: «Die Kämpfe, die wir gerade sehen, entfachen sich an der Frauenfrage – das zeigt, wie gross die Fortschritte eigentlich waren», erklärt Behjat.
Frauen seien nicht bloss Opfer, denen Rechte entzogen werden, sondern zentrale Akteurinnen im Kampf um Freiheit und Demokratie. In Iran etwa trugen sie mit dem Ruf «Frau, Leben, Freiheit» eine Bewegung, die weit über die «Frauenfrage» hinausging und den Anspruch auf ein menschenwürdiges, freies Leben für alle ins Zentrum rückte.
Ähnliche, stark von Frauen geprägte Proteste sieht Behjat in Belarus, im Sudan oder in Polen – deshalb spricht sie auch von einem «weiblichen Gesicht der Revolution».
Revolutionäre Frauen
Dass Frauen Revolutionen massgeblich prägen, ist allerdings kein neues Phänomen, betont die Historikerin und Bestsellerautorin Leonie Schöler: Schon in der Französischen Revolution 1789 marschierten Marktfrauen nach Versailles, konfrontierten den König mit der Erklärung der Menschenrechte und lösten einen Wendepunkt in der Französischen Revolution aus. Auch in der Märzrevolution 1848/49 in Berlin standen Frauen auf Barrikaden.
Sie gründeten politische Zeitschriften und eröffneten Kinderkrippen, um sich aus dem engen Hausfrauenideal zu befreien. Sie wollten nicht länger eingesperrt sein, sondern als politische Subjekte auftreten.
Und die russischen Arbeiterinnen in Petrograd markierten mit ihrem Streik 1917 gar den Auftakt zur russischen Revolution.
Doch die Kehrseite ist weniger glorreich: Die Marktfrauen in Frankreich wurden später verspottet, ihre Rolle blieb unsichtbar, obwohl sie den Umbruch mit angestossen hatten.
Bei der Märzrevolution war es nicht anders: Sobald erste demokratische Rechte für Männer gesichert waren, wurden Frauen an den Rand gedrängt; Zeitschriften verboten, Kindergärten geschlossen, Frauen explizit nicht als Bürgerinnen anerkannt, resümiert Schöler.
Kämpferinnen für die Rechte der Frau
Die Geschichte des Internationalen Frauentags am 8. März bündelt diese widersprüchliche Bewegung von Fortschritt und Ausschluss. Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts schlossen sich Frauen der Arbeiterinnenbewegung an, weil sie genug hatten von schlechter Bezahlung und politischer Entrechtung.
Später schlug die deutsche Sozialistin Clara Zetkin auf einer internationalen Konferenz einen Frauentag vor. 1911 demonstrierten Frauen in mehreren europäischen Ländern erstmals unter diesem Banner für Wahlrecht und Arbeitsrechte.
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Bild 1 von 4. Die Politikerinnen Clara Zetkin (Mitte), Lore Agnes (links) und Mathilde Wurm um 1920. Bildquelle: Getty Images/Photo by ullstein.
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Bild 2 von 4. Frauen demonstrieren 1911 in Wien für «Gleiche Pflichten – gleiche Rechte». Bildquelle: Getty Images/Topical Press Agency.
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Bild 3 von 4. Aktivistinnen der Frauenbewegung «Suffragetten» bei einer Kundgebung 1911 in London, angeführt von der Feministin Charlotte Despard (in der ersten Reihe, Zweite von rechts). Bildquelle: Getty Images/Hulton-Deutsch Collection/CORBIS.
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Bild 4 von 4. «Suffragetten»-Aktivistinnen sammeln ihre Kräfte – vor Mitternachtstreffen auf dem Trafalgar Square in London (April 1911). Bildquelle: Getty Images/Mirrorpix.
1975 haben die Vereinten Nationen ihn zum Tag der Vereinten Nationen für die Rechte der Frau und den Weltfrieden erklärt. Zugleich mussten die Schweizerinnen bis 1971 auf das nationale Stimm- und Wahlrecht warten. Damit ist die Schweiz eines der letzten europäischen Länder, die den Frauen ihre vollen politischen Rechte zugestanden haben.
Antifeministischer Gegenwind
Wo der Feminismus stärker wird, formiert sich auch der Gegenangriff – von ultrakonservativen «Tradwives», also traditionellen Ehefrauen, bis zur digitalen «Mannosphäre», wo Influencer wie Andrew Tate Frauenhass verbreiten – der Antifeminismus ist eine Antwort auf frauenrechtliche Errungenschaften.
Nicht nur Männer, auch Frauen können selbstverständlich ultrakonservativ sein und ordnen sich und ihre Rechte dieser Ideologie unter, sehen ihre Rolle vornehmlich im Haushalt und in der Reproduktion. Oftmals, zumal in den USA, baue diese Sicht auf einem fundamentalistisch-evangelikalen Weltbild auf, so Schöler.
Für Behjat und Schöler ist klar: Es geht hier auch um eine verklärte Nostalgie, in der Frauen naturgemäss «ins Haus gehören». Frauenrechte werden deshalb als eine Bedrohung für die vermeintliche Ordnung wahrgenommen, in der Männer die Versorger und Frauen die gehorsamen Hüterinnen des Heims sind. Gleichberechtigung ist insofern der Verlust «naturgegebener», männlicher Privilegien.
Kommende Generationen
Was dem entgegengesetzt werden kann, beginnt für beide bei der Erziehung. Zum einen bei der historischen Bildung: Wer weiss, dass Frauen Revolutionen angeführt, Wissenschaft und Kunst geprägt haben, lässt sie nicht mehr so leicht zu Nichtbürgerinnen erklären. So erklärt Behjat unter anderem auch die Solidarität vieler iranischer Männer mit den revoltierenden, gut gebildeten Frauen.
Zum anderen bei der alltäglichen Erziehung von Kindern – Mädchen wie Jungen: Es braucht Geschichten, in denen Frauen nicht verschwinden, und Räume, in denen Jungen nicht in frauenfreie digitale Tunnel ausweichen, wo Hass gedeiht.
Wenn das «neue weibliche Zeitalter» Wirklichkeit werden soll, dann nicht durch heroische Einzelmomente am 8. März, sondern durch eine Generation, die Gleichberechtigung als gemeinsame Ordnung begreift.