Das Licht ist atemberaubend, das Meer wild und ungestüm, die Landschaft märchenhaft schön. Hier wollen wir bleiben, sagten sich Peter Cornish und seine Frau Harriet im August 1973, als sie mit ihrem Citroën 2CV im äussersten Südwesten Irlands ankommen: «Es war, als ob noch nie jemand zuvor hier gestanden hätte. Da wussten wir: Das ist der Ort, den wir suchten.»
Der Plan: Einen Ort finden und schaffen, um dem Chaos des Alltags zu entfliehen und den Geist zu weiten. «Am Anfang ging es nur um mich. Doch als ich ein bisschen was von der Welt gesehen hatte, wurde mir klar, dass viele Menschen einen Ort des Friedens in dieser brodelnden Welt benötigen», erzählt Peter Cornish im irischen Dokumentarfilm «Chasing the Light».
Die «Muslime auf dem Hügel»
Und so legten Peter und Harriet Cornish den Grundstein für «Dzogchen Beara», der heute grössten buddhistischen Gemeinschaft Irlands. «Buddhismus war den Leuten vor Ort komplett fremd», erzählt Filmemacher Maurice O’Brien, «und so nannte man die Zugezogenen bald die ‹Muslime auf dem Hügel›, einfach um zu zeigen, dass sie keine Katholiken waren, wie der Rest der Bevölkerung».
Maurice O’Brien kam als Teilnehmer eines Retreats nach Dzogchen Beara. Er hatte ein Burn-out und suchte einen Ort, an dem er wieder zu Kräften kommen konnte. Zwei Dinge hätten ihn umgehauen, erzählt er. Erstens sei die Landschaft überwältigend schön, und zweitens waren die unterschiedlichsten Leute dort, die Kurse besuchten. Peter Cornish und seine Geschichte lernte er erst später kennen.
Auf der Suche nach dem spirituellen Leiter
Das passt. Denn Cornish selbst wollte weder Leiter noch Guru sein. Diese Funktion hatte ab 1987 Sogyal Rinpoche (1947–2019) inne. Der Rückzugsort war zu Beginn nicht einmal religiös definiert, auch wenn das Gründerpaar sich zum Buddhismus hingezogen fühlte.
Sogyal Rinpoche, einst tibetischer Flüchtling, hatte ab 1971 in England studiert und war danach mit wachsendem Erfolg als spiritueller Lehrer in Grossbritannien und Frankreich unterwegs. «Er kam zur richtigen Zeit», erinnert sich Peter Cornish. «Die Menschen in Irland hatten sich zwar vom katholischen Glauben entfernt. Doch spirituell waren sie noch immer.»
Peter und Harriet verkaufen ihr Auto, um einen Gebetsraum zu finanzieren, und fragen Sogyal Rinpoche an, ob er spiritueller Leiter der kleinen Gemeinschaft am Rande Europas werden wolle. Er akzeptiert und verbringt fortan einige Wochen pro Jahr in Dzogchen Beara.
Die Jahre ziehen ins Land, die Gemeinschaft wächst stetig. 1992 ziehen sich Peter und Harriet aus Dzogchen Beara zurück und übergeben das Land an die von Sogyal Rinpoche gegründete Rigpa-Stiftung. Harriet stirbt 1993 an Krebs. In ihrem Gedenken wird das «Spiritual Care Centre» gegründet, das den Ruf und die Attraktion Dzogchen Bearas noch vergrössert.
Machtmissbrauch
Doch dann – 2017 – der Paukenschlag: In einem offenen Brief wird Sogyal Rinpoche des langjährigen physischen, psychischen und sexuellen Missbrauchs an seinen Schülerinnen und Schülern bezichtigt. Detailliert beschreiben Betroffene, was er ihnen – teilweise systematisch und über Jahre – angetan hat.
Dieser Brief ändert alles. Peter Cornish, der Sogyal Rinpoche eigenhändig nach Beara holte, ist am Boden zerstört: «Als die Enthüllungen ans Licht kamen, fragte ich mich, ob alles, was ich getan habe, verschwendete Zeit war. Jeder Ziegelstein, den ich setzte, jede Wand, die ich strich. Und was ist mit all den Menschen, die hierherkamen, um ihre Traumata zu heilen?»
Gerüchte, dass Sogyal Rinpoche sich ungebührlich verhält, hätte es bereits in den 1990er-Jahren gegeben, erklärt Religionswissenschaftlerin Dolores Zoé Bertschinger. 1994 wurde in den USA eine Zivilklage gegen Sogyal Rinpoche eingereicht, er hätte eine ihm anvertraute Frau zum Sex gezwungen. Die Angelegenheit wurde aussergerichtlich mit 10 Millionen US-Dollar geregelt.
Doch es blieb nicht bei diesem Einzelfall. Journalistinnen begannen zu recherchieren und machten 2011, 2014 und 2017 weitere Fälle publik. Als der offene Brief schliesslich erschien, hätten viele längst Bescheid gewusst, so Dolores Zoé Bertschinger. Dass trotzdem nichts geschah, sei einer komplexen Gemengelage von Charisma, Macht, Sinnsuche, Tibet-Romantik und schlichtweg Unwissen über die Geschichte des Buddhismus und Tibets geschuldet.
Alternative zum Katholizismus
Im Fall von Dzogchen Beara komme noch die Geschichte Irlands hinzu, erklärt Filmemacher Maurice O’Brien. Bis in die 1990er-Jahre war die Republik ein stark römisch-katholisch geprägtes Land. Doch zwei Ereignisse hätten die Gesellschaft komplett und nachhaltig verändert.
Das Bekanntwerden des systematischen Missbrauchs und der Vergewaltigung von Kindern und Jugendlichen durch katholische Priester in den 2000er-Jahren. Und die Geschichte der sogenannten Mother-and-Baby-Homes: Tausende Kinder starben in diesen von der Kirche geführten Einrichtungen und wurden in Massengräbern verscharrt.
In der Folge liefen der katholischen Kirche die Gläubigen buchstäblich davon. Einige sahen im tibetischen Buddhismus eine Alternative, so Filmemacher Maurice O’Brien.
«Es schien nicht um Gehorsam zu gehen, sondern um persönliche Verantwortung und direkte Erfahrung. Das sprach Menschen an, die desillusioniert, aber dennoch auf der Suche waren. Der Film spielt genau in dieser Übergangsphase, in der Irland still und leise neu überdachte, wie Glauben aussehen könnte.»
Komplizierter Buddhismus
Doch der Buddhismus, zumal der tibetische, sei kompliziert, sagt Bertschinger. «Roben zu tragen ist nicht gleichbedeutend mit zölibatär leben. Gelübde können genommen und zurückgegeben, Versprechen lebenslang oder bloss temporär gegeben werden.» So sei die Tatsache, dass Sogyal Rinpoche als spiritueller Leiter von Dzogchen Beara Geliebte hatte, aus innerbuddhistischer Sicht per se kein Problem.
Dass er manche von ihnen misshandelte, hingegen schon, so Bertschinger. Denn auch in buddhistischen Kulturen gebe es selbstverständlich ethische Massstäbe. Und es gebe Menschen, die sich Druck und Gewalt widersetzt hätten. Zum Beispiel Sera Khandro (1892–1940), die derselben tibetischen Tradition angehörte wie Sogyal Rinpoche, ja sogar die Lehrerin seines spirituellen Lehrers war.
Sogyal Rinpoche äusserte sich nie öffentlich zu den Vorwürfen. 2017 trat er als spiritueller Leiter der Rigpa-Stiftung zurück. 2019 starb er an einer Lungenembolie. Dzogchen Beara wurde durch die Missbrauchsvorwürfe massiv erschüttert, viele kehrten der Gemeinschaft den Rücken.
Viele sind aber auch geblieben. Der Gemeinschaft gehe es heute gut, sagt Filmemacher O’Brien. Sie sei voller Menschen, die Halt fänden, die wach seien, die verstehen wollten, anstatt zu gehorchen. «Freundlichkeit, kritisches Denken und Demut sind wichtiger als jeder Lehrer. Peter hat das instinktiv verstanden, und letztendlich ist das vielleicht sein grösstes Vermächtnis.»